Kinder in Regenbogenfamilien

Zwei Papas und stolz darauf

Kinder lesbischer oder schwuler Paare erleben ihre familiäre Situation als völlig normal. Doch die Hetero-Umwelt hat oft Schwierigkeiten Homo-Familien zu verstehen.

Manche Paare müssen sich mit Fake-Babys begnügen, denn Väter werden ist schwerer als sein.  Bild: imago / UPI Photo

Wenn Michael Hirt über seinen Sohn Maik (Name geändert) spricht, über die innige Beziehung zu ihm, werden seine Augen feucht. "Das war damals Liebe auf den ersten Blick", sagt er. Vor fünf Jahren hat er den heute 8-Jährigen als Pflegesohn aufgenommen. Heute ist es "sein Sohn", der seinen Nachnamen trägt, für den er der "Papa" ist. Maik konnte nicht mehr bei seinen leiblichen Eltern leben, weil sie alkoholkrank waren, ihn verwahrlosen ließen.

Hirt ist schwul. Mit seinem damaligen Partner entschied er, ein Kind aufzunehmen, eine Regenbogenfamilie zu gründen. "Nicht aus egoistischen Gründen, sondern aus sozialer Verantwortung", sagt er. Sie wollten einem Kind, dem Unrecht geschehen ist, ein gutes Zuhause geben. Eine gemeinschaftliche Adoption von homosexuellen Paare ist in Deutschland nicht möglich. Es blieb die Pflegschaft.

Die Beziehung zu seinem Partner zerbrach, Hirt lernte einen neuen Mann kennen. Die beiden zogen zusammen und Maik wuchs vier Jahre lang in einer großen und modern eingerichteten Neubauwohnung in Berlin-Friedrichshain mit zwei Papas auf. Seit Ende der Beziehung ist aus der Regenbogen- eine Patchworkfamilie geworden.

Die Kinder: 2010 gaben laut Mikrozensus 63.000 Paare an, in einer gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft zu leben. Nach Schätzung leben mindestens 8.000 Kinder in Familien mit lesbischen oder schwulen Eltern. Wie viele davon leibliche Kinder sind, die aus früheren heterosexuellen Beziehungen stammen, von einem Partner adoptiert wurden oder als Pflegekinder in der Familie leben, ist nicht bekannt. Die meisten Regenbogenkinder leben in einem Haushalt mit zwei lesbischen Frauen.

Die Studie: Für die neue Studie der Humboldt-Uni Berlin wurden zwei Dutzend Kinder aus Regenbogenfamilien in Deutschland zu ihren Erfahrungen in der Schule befragt. Zudem wurden Interviews in Slowenien und Schweden durchgeführt. Die Ergebnisse werden heute auf der Konferenz "School ist out?! - Strategien für eine Schule ohne Ausgrenzungen" in Berlin vorgestellt.

"Für meinen Sohn ist es Alltag, dass ich schwul bin. Ich versuche, ihm meine Homosexualität als etwas Normales zu vermitteln", sagt Hirt. Wie so viele Kinder aus Regenbogenfamilien hat auch Maik, wie Psychologen bescheinigt haben, eine ausgeprägte Sozialkompetenz, eine große Toleranz anderen gegenüber.

Die gängigen Vorurteile und Argumente der Gegner von Regenbogenfamilien sind, dass Kinder, die bei zwei Vätern oder zwei Müttern groß werden, vor allem in der Schule Diskriminierung erleben. Durch Gleichaltrige. Maik kann das nicht bestätigen. Er hat bisher kaum Anfeindungen von anderen Kindern erleben müssen.

"In der Schule ist er beliebt. Natürlich wird er von vielen als Exot gesehen, aber selten im negativen Sinn", sagt sein Vater. Mit seiner besten Freundin spielt er manchmal Familie. Dass dabei zwei Kens oder zwei Barbies ein Kind betreuen, ist für die Kinder selbstverständlich. "Freunde fanden es oft spannend, wenn er stolz von seinen ,zwei Papas' erzählte", sagt Michael Hirt.

Von den Freichristen gemieden

Hanna ist 18 und hat zwei Mamas. Ihre leibliche Mutter hat sich kurz nach ihrer Geburt von ihrem Vater getrennt. Vor zehn Jahren heiratete sie ihre Partnerin. Seitdem leben sie zu dritt in Lörrach, einer Kleinstadt südlich von Freiburg. "In der Pubertät fand ich das schwierig, habe mich sogar geschämt", sagt Hanna. Sie wollte nicht, dass ihre Mitschüler von ihrer lesbischen Mutter erfahren. Außer ein paar engen Freundinnen.

Hanna war in der 6. Klasse, als ihre Mutter heiratete. Zur Hochzeit wollte sie einen guten Freund einladen - aber dessen Eltern verboten das. "Das waren Freichristen und er sollte plötzlich keinen Kontakt mehr zu mir haben", sagt Hanna. Sie beschloss, in Zukunft vorsichtiger zu sein, bevor sie von ihrer Regenbogenfamilie erzählte.

Im Nachhinein sei diese Angst unbegründet gewesen. "Ansonsten habe ich nie Diskriminierung erlebt", sagt Hanna. Die Distanzierung von ihren Mütter sei ein normaler Abnabelungsprozess gewesen. Heute verheimlicht sie nichts mehr - und damit hat sie vor allem positive Erfahrungen gemacht.

Selten gezielte Diskriminierung

Kinder aus Regenbogenfamilien erleben ihre familiäre Situation meist als völlig normal. Das belegt eine Studie der Humboldt-Universität Berlin, die Freitag auf der Konferenz "School is out?!" vorgestellt wird. "Für sie ist das ihr Alltag. Aber sie wissen natürlich, dass es für ihre Umwelt nicht normal ist", sagt Studienleiterin Uli Streib-Brzic.

Gezielte Diskriminierung erfahren Kinder, die bei homosexuellen Eltern aufwachsen, entgegen den Befürchtungen nur selten. Echtes Mobbing in der Schule oder anderswo wegen der schwulen oder lesbischen Eltern hat kaum eines erlebt. Als störend und diskriminierend empfinden aber viele, wenn sie Mitschüler zu oft nach ihren Eltern ausfragen. "So wissen sie, dass sie als abnormal gesehen werden und fühlen sich infrage gestellt", so Streib-Brzic.

Gegen diese Denormalisierung, wie die Forscher es nennen, entwickeln die Kinder ihre eigenen Strategien. So wird die Homosexualität der Eltern oft als unwichtig klassifiziert. Sie überlegen zugleich genau, welchen anderen Kindern sie von ihrer Familie was erzählen. Nach diskriminierenden Erlebnissen suchen sie den Rat der Eltern.

Solche Strategien drücken den Wunsch aus, dass auch die Gesellschaft und die Mitschüler Regenbogenfamilien als normal empfinden sollen. Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass sich die meisten Kinder schwuler oder lesbischer Eltern in einem ständigen Spannungsfeld zwischen der meist heteronormativen Peergroup und der Loyalität gegenüber den Eltern befinden.

Die eigene Heterosexualität betonen

Im Laufe der Pubertät betonen Regenbogenkinder häufig ihre eigene Persönlichkeit und ihre eigene Heterosexualität. So machen sie klar, dass sie nicht ausschließlich als Kind einer Regenbogenfamilie definiert werden wollen. "Da sind sie vergleichbar mit anderen Jugendlichen: Es ist ja ihre Aufgabe, sich von den Eltern abzunabeln", sagt Streib-Brzic. Im Gegensatz zu vielen anderen sind Kinder, die mit homosexuellen Eltern aufgewachsen sind, aber toleranter anderen gegenüber und geben sich selten mit stereotypen Geschlechteraufteilungen zufrieden.

Dabei stoßen sie aber auf eine Gesellschaft, der Regenbogenfamilien oft noch fremd sind. Gerade die Schulen versäumen es, alternative Familienformen und Lebensentwürfe im Unterricht aufzunehmen. Es ist oft dem Engagement einzelner Lehrer überlassen, das Thema Homosexualität und Kinder zu thematisieren. Viele homosexuelle Eltern kritisieren, dass die Schulen stereotype Geschlechterrollen bedienen, statt sie aufzubrechen.

Dass Schwule und Lesben Kinder großziehen ist ein neues Phänomen. Deshalb sind die meisten, die in Regenbogenfamilien aufwachsen, noch sehr jung. Nur ein Bruchteil geht bereits in die Schule. Das wird sich in ein paar Jahren ändern - vor allem in den Großstädten. Uli Streib-Brzic ist sich sicher: "Spätestens dann müssen auch die Schulen mehr anbieten als das gängige Familienkonzept."

 

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