In den Fabriken von Sivakasi werden Feuerwerkskörper auch für den europäischen Markt hergestellt - unter katastrophalen Umständen. von Christian Gehrke

Der deutsche Marktführer Weco hat bereits 1995 die Zusammenarbeit mit Herstellern in Sivakasi beendet. Bild: dpa
BERLIN taz | Sie haben keine Fingernägel mehr. Ihre Hände sind verätzt. Arme und Gesicht sind von Brandnarben gezeichnet. Laut des Kinderhilfsordens Don Bosco stellen Kinder in der südindischen Stadt Sivakasi Raketen, Böller und Wunderkerzen her. Die Kinder sind zwischen 10 und 12 Jahre alt, sie arbeiten 13 Stunden am Tag auf engstem Raum, sechs Tage die Woche.
Viele Mädchen sind es, die auf den Unterricht verzichten müssten, damit sie mit dem hart verdienten Geld ihren Familien helfen könnten. Obwohl Kinderarbeit in Indien verboten ist, sind laut der österreichischen Organisation "Jugend eine Welt" 70.000 Jungen und Mädchen in der Feuerwerksindustrie beschäftigt, die meisten von ihnen in und um Sivakasi.
Der indische Sozialarbeiter und Kinderrechtsexperte Vincent Thamburaj vom Orden Don Bosco beobachtet die katastrophalen Zustände seit 15 Jahren. "In den Fabriken passieren häufig schwere Unfälle, bei denen Kinder ums Leben kommen. Jeder Funke kann eine Explosion auslösen.
Diese Unfälle werden aber verschwiegen, so dass wir kaum wissen, wie viele Tote es in der Feuerwerksindustrie wirklich gibt", sagte Vincent Thamburaj der taz. Zudem würden Kinder mit Aluminium- oder Schwefelpulver hantieren und giftige Stoffe einatmen. Oft würden Asthma und Herz-Kreislauf-Erkrankungen auftreten.
Laut Don Bosco wird bei der Herstellung ständig mit neuen Stoffzusammensetzungen experimentiert. Allein im Sommer 2009 soll es zu mehreren schweren Zwischenfällen gekommen sein. 43 Arbeiterinnnen und Arbeiter hätten dabei ihr Leben verloren. Thamburaj sagt, die jüngste Explosion habe sich vor zwei Monaten ereignet, es seien zehn Menschen tödlich verunglückt.
Doch trotz dieser schrecklichen Umstände floriert das Geschäft mit Böllern und Raketen weiter. Indien ist nach China der zweitgrößte Exporteur für Feuerwerkskörper. Produkte aus den Kinderfabriken in Sivakasi landen in ganz Europa, sagt der Don-Bosco-Orden.
Weco, in Deutschland Marktführer bei Feuerwerkskörpern, mit Sitz in Eitorf bei Bonn, stellt nach eigenen Angaben 40 Prozent seiner Waren in Eigenproduktion her. Die Firma erhielt von der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (BAM) 1995 und 1996 drei Zulassungen von Feuerwerkskörpern aus Sivakasi, die noch immer gültig sind.
Bereits 1995 habe man die Geschäftsbeziehungen jedoch nach einer einmaligen Lieferung abgebrochen, gab Weco bekannt. Grund seien neben mangelnder Qualität die Produktions- und Arbeitsumstände vor Ort gewesen. Thamburaj fordert die europäischen Importeure auf, Druck auf die indischen Betriebe auszuüben, die Kinderarbeit endlich einzustellen.
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Leserkommentare
01.01.2012 14:37 | Montse
Ich war absolut schockiert beim Lesen dieses Artikels. ...
01.01.2012 07:38 | arribert
Wer bei ALDI 60 Euro für eine 90-sekündige Feuerwerksbatterie ausgibt, von dem kann man sicherlich nicht erwarten, dass er ...
31.12.2011 17:13 | Schoenlink
Ausbeutung der menschen gehört nun mal zum kapitalismus. Nicht zynisch gemeint, ist nun mal so. Ausbeutung in der krassen f ...