Königsetappe Tour de France

Schleck schleicht sich weg

Alberto Contador zeigt ganz menschliche Schwächen in den Bergen. Sein Rückstand auf Schleck: fast 4 Minuten. Deswegen stellt er seine Renntaktik um.

Wird seine siebte große Schleife wohl nicht im Gelben Trikot beenden: Alberto Contador.  Bild: reuters

BRIANCON taz | Alberto Contador hat sich verändert. War aus dem einstigen Dominator in Gipfelhöhen im ersten Drittel dieser Tour de France ein Bruchpilot geworden und danach einer, der in den Pyrenäen nur mithalten konnte, so mutierte der Spanier in der dritten Tourwoche zu einem Attackenreiter längst vergangen geglaubter Prägung. Contador versuchte dabei, auch den winzigsten Vorteil auszunutzen. Der Spanier, der einst an Steigungen die Konkurrenz deklassierte, ist nun auch auf Abfahrten ein Hasardeur. Das muss er auch, denn beim Klettern im Gebirge zeigt der Spanier Schwächen.

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Auch am Donnerstag auf der 200,5 Kilometer langen Königsetappe in den Alpen schwächelte Contador beim ersten Anstieg zum 2.744 Meter hohen Col Agnel, hing am Ende der Gruppe mit den Favoriten. Gleiches Bild am zweiten Berg, dem Col d'Izoard, als er eine Attacke von Andy Schleck nicht kontern konnte und dem Luxemburger zwei Minuten Vorsprung lassen musste. Pech hatte er auch noch: Auf der letzten Abfahrt des Tages hatte er einen Defekt und verpasste kurzzeitig den Anschluss. Andy Schleck baute seinen Vorsprung im Anstieg auf den 2.645 Meter hohen Galibier auf zeitweise 4:15 Minuten aus, verlor dann aber wieder. Er rettete 2:18 Minuten Vorsprung ins Ziel und verpasste es nur knapp, das Gelbe Trikot vom Franzosen Thomas Voeckler zu übernehmen. Und Contador? Radelte nur hinterher. Sein Rückstand auf Schleck: fast 4 Minuten. Er war der Verlierer des Tages.

"Die wichtigste Sache ist, es jeden Tag zu versuchen", lautet das neue, arg bescheidene Credo des Mannes, der mit seinen leichtfüßigen Antritten in Bergeshöhen bekannt geworden ist. Contadors Transformation ist trotz seiner Schwierigkeiten im Hochgebirge bemerkenswert. Sie zeigt die Champion-Qualitäten des Spaniers - und sie zeigt Contador auch endlich als Menschen, der an Leistungsgrenzen kommt. Mag er wegen des Clenbuterol-Funds bei der letzten Tour und des danach verschleppten Verfahrens vor der Sportjustiz weitab von der Figur eines edlen Sportsmannes sein, so nötigt die Art und Weise, in der er fährt, manchem Experten Respekt ab.

Contador kann nur schlecht verlieren

Contador pocht nicht auf alte Privilegien. Der Mann, der sechsmal bei einer dreiwöchigen Rundfahrt antrat und sie stets gewann, muss jetzt damit klarkommen, dass er seine siebte große Schleife wohl nicht im Gelben Trikot beenden wird. Man muss wissen, dass Contador nur schlecht verlieren kann. Contadors Bruder Fran erzählt, dass Alberto schon als Halbwüchsiger beim Kartfahren und beim Kartenspielen immer gewinnen wollte. "Er will einfach nicht verlieren", charakterisiert ihn Fran Contador. Für die nähere Umgebung mag dies nicht immer einfach sein. Aus einem Talent wird aber nur mit der nötigen Portion Durchsetzungswillen auch ein Champion. Das hat nun endlich auch Andy Schleck kapiert, der gestern mit Vehemenz angriff.

Der Luxemburger schien ja seinen Vorteil durch Abwarten in den Pyrenäen und Unaufmerksamkeit bei kleineren Anstiegen im Alpenvorland zu verspielen. Im Gegensatz zu Contador, der nach den Abfahrtskrimis beim Giro an seinen Downhill-Fähigkeiten gearbeitet hat, unternahm der Luxemburger in dieser Nebendisziplin des Radsports nicht so viel. Und so blieb den Gebrüdern Schleck zunächst nur die Kompensation durch Verbalattacken. "Im letzten Jahr nutzte er einen Kettenschaden. Jetzt greift er auf Abfahrten an. Das ist seine Wahl", ätzte Fränk Schleck und machte dabei eine abfällige Miene, die ausdrückte: Er hat so etwas wohl auch nötig. Natürlich hat Alberto Contador "so etwas" nötig. Er verwandelt dadurch diesen Sport in einen Kampf. Wer Kämpfe schätzt, hat in Contador einen Protagonisten für epische Geschichten.

Für einen Moment mag man dabei sogar vergessen, was gegen "Clentador", den mutmaßlichen Clenbuterol-Konsumenten, vorliegt. "Congladiator" nennt ihn die in letzter Zeit nur für das Sportliche, nicht mehr für den Zweifel zuständige L'Equipe. Zum 100. Geburtstag der Galibier-Überquerung durch die Tour kann vielleicht auch nördlich der Alpen der Clentador hinter dem Congladiator zurückstehen, bevor dann der Sportgerichtshof Cas wieder für die rechte Unterscheidung sorgt. Es ist ein schizophrenes Vergnügen, gewiss. Aber gut und böse sind nur für Ideologen säuberlich getrennt. Von Contador fasziniert zu sein ist wie Fleischessen für Vegetarier - ein Tabubruch und ein Genuss zugleich.

 
21. 07. 2011

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