Kolumne von Andreas Rüttenauer

Die Fahne ist zum Wedeln da. Bild: snapshot-photography
Der Bader Bibi ist immer vorneweg gegangen. Der Wimmer Wigg kann sich an keinen anderen Kreuzträger erinnern. Solange er ministriert hat, hat bei den wichtigen Messen immer der Bibi die Stange mit dem Kreuz vor dem Pfarrer hergetragen. Der Bibi war der Oberministrant.
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Der Wigg war neidisch auf ihn. Als der Bibi einmal krank war, sollte der Wigg einspringen. Weil er aber zur Fronleichnahmsprozession statt im Sonntagsstaat mit einer kurzen Jeans gekommen war, hat ihm der Pfarrer eine Watschn verpasst und ihn dann heimgeschickt. Das war dem Wigg zwar nicht ganz so unangenehm wie der sonntägliche Griff des Pfarrers an den Sack, aber ministriert hat er nie mehr.
Neidisch auf den Bibi ist er auch nicht mehr. Beim Schützenumzug geht der Wigg seit Jahren vorneweg. Er ist eine Autorität, nicht nur weil er bei den bayerischen Heimatabenden im Verein immer auf der Quetschn spielt. Vor zwölf Jahren hat er tief in die Tasche gegriffen, damit er Schützenkönig werden kann. Seitdem weiß er, wie man sich ein Ehre kaufen kann.

Andreas Rüttenauer
ist taz-Sportredakteur. Er berichtet während der Olympischen Spiele aus London.
Foto: tazAls vor vier Jahren der Nowitzki in Peking die deutsche Fahne ins Stadion getragen hat, hat er sich nicht gewundert. Einer, der so reich ist, wie der Nowitzki von den Dallas Mavericks, kann sich jede Ehre kaufen, hat er geglaubt. Das mit Natascha Keller in London hat er nicht verstanden und sich gefragt, ob jetzt schon Hockeyspielerinnen Millionengehälter kassieren. Unmöglich. Seitdem glaubt der Wigg wieder ein wenig mehr an das Ehrliche bei der Ehre und ärgert sich, dass er seinen Sohn seinerzeit nicht besser gefördert hat, obwohl der als Bub ein begabter Luftgewehrschütze war.
Im Traum hat er seinen Sohn schon gesehen, wie er mit der Fahne in der Hand das deutsche Olympiateam ins Londoner Stadion führt. Vom ewigen Ruhm für seinen Sohn hat er geträumt, weil einen Fahnenträger, den vergisst niemand nicht mehr in seinem ganzen Leben. Der Wigg kann sich sogar noch an den Toni Breder erinnern, der 1952 in Helsinki die Fahne des Saarlands ins Olympiastadion getragen hat. Eine komische Fahne, blau und rot mit einem weißen Kreuz, was so ausgesehen hat, als wäre das kleine Saarland ein von den Franzosen besetztes Gebiet in Skandinavien.
Am Abend am Stammtisch erzählt er von seinem Traum. Von dem Saarländer Toni Breder hat keiner seiner Freunde je etwas gehört. Von wegen ewiger Ruhm. Auf dem Heimweg fragt sich der Wigg, wie lange man sich im Ort wohl an ihn als Fahnenträger erinnern wird. Oder überhaupt an diese Frau. Der Name dieser Hockeyspielerin fällt ihm gerade nicht ein.
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