Kolumne von Andreas Rüttenauer

Bei Familie Waldschmidt wird gekuschelt und geklotzt – allerdings nur auf buntem Ringergeläuf. Bild: dpa
Ein Junge! Da freut sich der ganze Verein. Der muss auf die Matte, hat Vater Waldschmidt gesagt, da war noch nicht einmal der Kopf des Kleinen ganz raus aus der Mutter. Die erste SMS aus dem Kreißsaal ging an den Präsidenten des SV Germania. Dann können die schon einmal anstoßen, erklärt er seiner Frau. Die nickt und schaut sich ihren Jungen ganz genau an.
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Die winzigen Hände, den kugeligen Bauch, das Köpfchen mit den Ohren, und stellt fest, dass der neue Waldschmidt nicht sehr viel von seinem Vater hat. Das wird schon noch, sagt der und zeigt auf seine Ohren. Die Waldschmidts sind Ringer seit alters her. Sie haben Germania einst gegründet, und seitdem tragen sie den Klub. Der Uropa des neuen Waldschmidts macht bei den Kampfabenden den Hallensprecher.
Der Opa ist der Physiotherapeut, den auch die bulgarischen Ringer schätzen, die zu den wichtigen Ligakämpfen eingeflogen werden. Der eine Onkel führt die Geschäfte und überzeugt die örtlichen Mittelständler immer wieder, Geld für die erste Mannschaft lockerzumachen.

ist taz-Sportredakteur. Er berichtet während der Olympischen Spiele aus London.
Foto: tazDer andere Onkel ist der Jugendtrainer von Germania, stolz auf seinen starken Sohn, der ein ganz großer werden soll und dem er immer wieder gern erzählt, wie es war damals, als er deutscher Vizemeister geworden ist. Gerungen haben sie alle. Man sieht es ihnen an den Ohren an. Der neue Waldschmidt wird sie auch bald haben, Blumenkohlohren.
Die Mutter des neuen Waldschmidt hat bis zum Schluss gehofft, dass es ein Mädchen wird. Die Mädchen müssen bei Germania nicht auf die Matte. In ihrem Ort, in dem noch vieles ist wie früher, ist Ringen reine Männersache. Die Mädchen dürfen mitmachen, wenn für die Jugendabteilung Altpapier gesammelt wird.
Zu den Klubabenden dürfen sie auch und unter dem großen Bild von Wilfried Dietrich feiern, dem Kran von Schifferstadt, der 1960 Gold bei den Spielen in Rom gewonnen hat und der verehrt wird wie ein griechisch-römischer Gott, seit er 1972 den 4 Zentner schweren US-Koloss Chris Tayler auf die Matte gelegt hat.
Die Ohren des Krans sind auf dem Bild nicht zu erkennen, unter dem auch die Kindsmutter schon gefeiert hat. Sie weiß Bescheid. Wenn die Blutergüsse von den Kämpfen nicht sofort behandelt werden, wandeln sie sich in Bindegewebe um. Die Ohren seien dann dauerhaft verunstaltet, hat ihr ein Arzt gesagt.
Sie schaut ihren Kleinen an. Vielleicht will er ja gar nicht auf die Ringermatte, denkt sie sich. Nein, er ist ein Waldschmidt: Er wird wohl wollen müssen. Er hat keine Wahl, der Kleine.
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