Kolumne Besser

Mjam, lecker Golanwein!

Ist es okay, Produkte aus den von Israel besetzten Gebieten zu boykottieren? Und welche sind das eigentlich? Ein Produkttest.

Katzen würden koscher kaufen. Bild: Deniz Yücel

Stephen Hawking schließt sich der akademischen Ächtung Israels an, EU-Bürokraten fordern eine Kennzeichnungspflicht für Produkte aus israelischen Siedlungen im Westjordanland und auf den Golanhöhen oder gleich deren Boykott.

Und auch die grüne Bundestagsfraktion will in einer kürzlich bekannt gewordenen Kleinen Anfrage wissen, wie hoch die Importe aus den besetzten Gebieten nach Deutschland sind wird und wie viel davon politisch bedenklich ist. Aber um welche Produkte geht es hier eigentlich? Der große und extrem objektive Besser-Produkttest:

Rotwein Yarden, Mount Hermon, Golanhöhen, Jahrgang 2011: Hervorragender junger, kräftiger Rotwein, hybride Mischung aus Cabernet Sauvignon- und Merlot-Trauben. Passt prima zu Fleisch, Geflügel, Fisch, Käse und Nutellabrot. 0,75-Liter-Flasche ca. 10 Euro.

Rotwein Gamla, Cabernet Sauvignon, Golanhöhen, 2009: Samtig-herb im Eingang, fruchtig-harmonisch im Durchgang, nussig-würzig im Abgang. Und kein Kater nach Untergang. Sehr rot, sehr gut, sehr koscher! Ca. 16 Euro.

Weißwein Cremisan, Hamdany & Jandaly, Beit Dschala, Westjordanland, 2010: Kein israelischer, sondern ein palästinensischer Wein aus der palästinensischen Rebsorte Hamdany & Jandaly, von palästinensischen Kinderhänden in liebevoller Handarbeit geerntet und im katholischen Salesianer-Kloster Cremisan hergestellt (nicht koscher). Cremig-duftige Textur, intensives Bukett von frischen Zitrus-, Minz- und Stacheldrahtnoten, blumigen Pfirsich-, Zypressen- und Akazienblüten-Aromen sowie einem milden Hauch von Mandel, Banane und Multivitaminsaft. Ca. 10 Euro.

Weißwein Jerusalem Hills, Muscat d’Alexandrie, Hebron, Westjordanland, ohne Jahrgangsangabe: Viele fragen ja: Darf man Israel kritisieren, ohne sich gleich zum Günter zu machen? Die Antwort: Ja, man darf, aber – bitte merken! – nur an den richtigen Stellen. Also keine Kritik an der Regierung (macht nur ihren Job) oder an den ESC-Beiträgen (Israel würde noch mit Madonna im Vorentscheid rausfliegen), sehr wohl aber an der israelischen Fußballnationalmannschaft (zuletzt 3:1- Führung gegen Portugal vergeigt). Oder eben an diesem uringelben, übersüßen und übersauren Wein. Allenfalls für süß-saure Soßen brauchbar, in höherer Dosis vermutlich auch zum Brunnenvergiften. Ca. 14 Euro.

Rotwein Zion Fine Wines, Old City Shalom, Judäisches Bergland, Westjordanland: Schwerer, zuckersüßer Rotwein. Laut Etikett nur für kultische Zwecke (Kiddusch-Wein) zugelassen, aber zum Mischen mit Wodka, Red Bull und Wodka-Red-Bull, Tapezieren oder Haarestylen (ultrastrong) ebenfalls geeignet. Ca. 7 Euro. (Alle Weine erhältlich bei www.israelwein.de.)

Halva mit Pistazien: Süßspeise aus Sesampaste, Honig und Pistazien. Sandig wie der Negev, geschmeidig wie Hummus und süß wie der Kuss eines sephardischen Jünglings. Obacht: Kann aus Israel, den territories oder dem Libanon stammen. 454-g-Packung ca. 4,50 Euro.

Granatapfelsaft, Keshet Juice (nicht: Keshet Jews!), Golanhöhen: Bittersüß und wunderbar sommerlich (Fruchtgehalt 100 Prozent). 0,75-Liter-Flasche ca. 6 Euro.

Falafel-Mix, Scharon-Ebene (!), Grenze zum Westjordanland: Instantmischung mit Wasser verrühren, zu Bällchen rollen, in Öl braten – am besten in extra virgin Olivenöl der Marke „Toister“ aus der Golan-Siedlung Givat Yoav (0,5-Liter-Flasche ca. 9 Euro). Schmeckt wie beim Araber. 180-g-Tüte ca. 2,50 Euro.

Weizen-Snacks „Bissli“ und Erdnussflips „Bamba“, ebenfalls Scharon-Ebene: Rauchig-würzig und sehr lecker die Weizen-Snacks, schmecken mehr nach Schinken als nach Weizen. Vorsicht: Suchtgefahr! Fade und matschig hingegen die Flips. Ein Geschmack, als hätte man sie wochenlang unterm Sofa reifen lassen. Israelische Erdnusswirtschaft in der Krise? 70-g-Tüten jeweils ca. 1,50 Euro.

Datteln: Süß, saftig, lecker. Ein unbekannter Teil der israelischen Dattelexporte stammt aus den besetzten oder annektierten Gebieten. Experten gehen von einer höheren Dunkelziffer aus. 100-g-Beutel ca. 1,80 Euro.

Speisesalz, Totes Meer, Westjordanland: Gesundes Bioprodukt voller lebenswichtiger Mineralien, Spurenelementen und Salzen. Geeignet zum Kochen, Naschen und Streuen in Wunden. 180-g-Packung ca. 3 Euro.

Duschbad, Peeling, Zahnpasta, Handcreme u.v.m., Totes Meer: Weiche Haut, glattes Gesicht, weiße Zähne und filigranes Fingerspitzengefühl dank der Kosmetik aus der einzigen Demokratie des Nahen Ostens. Zwar bieten auch deutsche Hersteller Erzeugnisse mit Salz oder Schlamm aus dem Toten an, sicherer aber sind die Produkte der Firma Ahava mit Produktionstandort im Kibbuz Mitze Shalem (Westjordanland). Kost auch was.

Olivenölseife mit Granatapfel, Industriezone Ben-Yehuda, Golanhöhen: Alternative für alle, die das Zeug vom Toten Meer zu salzig oder zu schlammig finden. Der liebliche Duft von Frieden, Freiheit und Sicherheit. (Alle genannten Produkte hier oder da oder dort erhältlich.)

Produktwarnung:Die Verbraucherkolumne Besser warnt vor Olivenöl der Marke „Jordan“. Das stammt weder aus Cis- noch aus Transjordanien, sondern von der griechischen (nach anderer Lesart: griechisch besetzten) Insel Lesbos.

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Besser: Probieren als boykottieren.

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Von Juli 2007 bis April 2015 bei der taz. Autor und Besonderer Redakteur für Aufgaben (Sonderprojekte, Seite Eins u.a.). Kurt-Tucholsky-Preis für literarische Publizistik 2011. „Journalist des Jahres“ (Sonderpreis) 2014 mit „Hate Poetry“. Autor des Buches „Taksim ist überall“ (Edition Nautilus, 2014). Wechselte danach zur Tageszeitung Die Welt.

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