Kolumne Blagen

Ich bin frei und du bist alt. So siehts aus, Mutti

Rede an die nächste grau gelockte Mutter, die mich im Supermarkt achtlos mit ihrem Schubverband rammt.

Ich stehe im Supermarkt und fahnde nach meinen Biowaffeln. Irgendwo hier müssen sie doch sein. Ich stehe und stiere und spüre plötzlich, wie mich etwas von links anbufft. Es tut nicht weh, was da bufft, aber es vermittelt doch in seiner drängenden Masse, dass meine Anwesenheit hier vor dem Regal nicht erwünscht ist.

Ich wende also den Kopf: Wer stört? Und da, so auf Hüfthöhe, sehe ich einen Kinderwagen, den mir eine dazugehörige Mutter in den - um es höflich zu formulieren - besten Jahren wort- und blicklos ins Fahrgestell rammt. Aha, denke ich, die gute Frau möchte vorbei, und trete beiseite. Aber das scheint den Ansprüchen der graugelockten Bürgerin bei weitem nicht gerecht zu werden. Mit schräg nach oben gewandtem Blick scannt sie weiter das Regal - mich, von durchaus stattlicher Natur, scheint sie in die Kategorie Verkehrshindernis einzuordnen. Anders ist nicht zu erklären, dass sie in somnambulem Singsang auf ihr Kind einredet: "Iphigenie, was meinst du, soll die Mama die Sojawaffeln nehmen oder doch lieber die mit Amaranth-Crunch? Hm, Iphigenie, was soll die Mama machen?" Die so angesprochene Zweijährige deutet auf die grellste Packung, rechts von mir im Regal. Die Mama folgt augenblicklich dem Befehl der Einmeterkönigin und fängt nun ernsthaft an, mich mit ihrem Schubverband aus dem Weg räumen zu wollen.

Ich will es kurz machen. Ich habe nicht zurückgeschubst, habe die altersmäßig etwas angenagte Frau nicht angeblafft, Iphigenie schon gar nicht.

Aber auf dem Weg nach Hause habe ich eine kleine Rede vorbereitet, die ich der nächsten ihrer Art halten werde: Liebe späte Mutter! Wenn du meinst, du habest mit der Geburt deines einzigen Jetzt-wirds-aber-Zeit-Kindes auf der Skala der Menschengemeinschaft eine Art Schutzstatus erreicht, bist du schief gewickelt. Mag sein, dass es in deiner sozialen Gruppe opportun ist, sich mit über vierzig wie Nachbars Tochter zu kleiden. Mag sein, dass dich eine einmalige Niederkunft in dem Glauben wiegt, die Welt müsste sich von nun an deinen unangemessenen Bedürfnissen nach Platz, Rücksicht und Unterwerfung anpassen. Mag sein, du hältst dich für etwas Edleres, weil die postnatale Hormonausschüttung dir vorgaukelt, du seiest noch mal zwanzig.

Aber bedenke bei dem, was du tust, dass andere schon eher für klare Verhältnisse gesorgt haben könnten. Dass die Frau, die du mit deiner einen Iphigenie wegschiebst, womöglich große, womöglich mehrere Kinder hat, die ziemlich unangenehm werden könnten, solltest du noch einmal versuchen, ihre Mutter beim Waffelkauf zu stören.

Du sollst wissen, liebe Fortgepflanzte, dass es lange vor dir Frauen gab, die aus purer Unvernunft und ohne mannigfaltige monetäre Anreize seitens der Bundesregierung Babys (Plural!) geboren haben. Stell dir einfach mal vor, wie das war, als die Frau, die du achtlos beiseiteschubst, 50 Mark Kindergeld bekommen hat. 25 Euro! Das würde nicht mal für Iphigenies Pekip-Kurs reichen. Lass einfach mal deiner Fantasie freien Lauf, während du mit deinem Vintage-Kinderwagen den Kassenbereich blockierst: Was macht diese Frau, wenn sie den Supermarkt verlassen hat? Ich sags dir: Sie hat frei. Sie ist frei. Fertig und durch mit allem. Du hingegen wirst in Altersteilzeit gehen, wenn Iphigenie Abi macht. So siehts aus, Mutti. Also: Augen auf beim Waffelkauf!

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1965, ist taz-Parlamentsredakteurin. Sie berichtet vor allem über die Unionsparteien und die Bundeskanzlerin.

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