Kolumne von Rieke Havertz
Vier Buchstaben können einiges verändern. Sie machen aus einem Geschick ein Missgeschick, aus einem durchschnittlich Begabten einen überdurchschnittlich Begabten, aus einem simplen Halten ein vielleicht komplexes Innehalten. Geografisch machen für mich vier Buchstaben aus einem mäßigen Berliner Sommer einen schwülheißen Sommer in Boston.
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Mit dem Sommer in der neuen Stadt kommen neue Freunde. Buddies finden sich schnell in den USA, hört man ja immer wieder, dort – jetzt drüben – im ach so oft beklagten unfreundlichen Berlin.
Meinen ersten Buddy finde ich schnell. Er ist schweigsam. Ein leichtes Eingewöhnen in die neue Welt der amerikanischen Buddies. Er heißt „T“ und soll „Dieter“ ersetzen. Dieter ist mein Fahrrad, zurückgelassen in Berlin. „T“ ist deutlich schwerfälliger und in grün, orange, blau oder rot zwar ansehnlich, aber undankbar.
„T“ ist die U-Bahn der Stadt. „T“ rühmt sich, den öffentlichen Personen-Nahverkehr in den USA quasi auf den Weg gebracht zu haben. Das lerne ich gleich an der ersten Haltestelle. Eine Erfolgsgeschichte, absolut. Da muss man nur einmal ohne Auto in Ohio oder Texas unterwegs sein. Ganz anders aber in Boston, da sticht das Straßenbahnnetz schon um die Jahrhundertwende jede andere historische Kleinigkeit wie die Boston Tea Party oder das Ausrufen der Unabhängigkeit aus.

Rieke Havertz
ist Chefin vom Dienst bei taz.de, zur Zeit zu Gast beim „Christian Science Monitor“ in Boston. Rieke Havertz bei Twitter.
Foto: ArchivIn Boston fuhr die erste U-Bahn-Linie 1889 elektrisch über die Straßen. Genau dort, wo heute noch die Grüne Linie entlangläuft. Seitdem hat sich nicht viel verändert. Modernes Transportsystem? Stufen hoch wie in alten Amphitheatern müssen überwunden werden, um überhaupt mitfahren zu können – das dann aber nur bis 0.30 Uhr.
Dennoch mag ich meinen neuen Buddy. Er hat den kalten Charme eines alten Kühlschranks, in dem alles irgendwie Platz findet und dem man auch einmal einen Ausfall verzeiht. Zehn Minuten im Nirgendwo zwischen Downtown und neuer Nachbarschaft rumstehen ist schon okay.
Allein der sportliche Aspekt – sieht man von dem durchaus herausfordernden Einstieg ab – kommt zu kurz. Ich vermisse „Dieter“ und denke ernsthaft darüber nach, Buddy „T“ für ein Leihfahrrad bereits nach wenigen Tagen fallen zu lassen. Allein fehlt selbst mir als standhafter Helmverweigerin die Zuversicht, in Boston ohne Helm auf dem Rad auch nur drei Meter zu überleben.
Womit ich mich meiner neuen Heimat auf Zeit anpassen werden muss – und laufen gehen. Egal ob neben einer vierspurigen Straße, auf dem Bürgersteig umgeben von Anzug- und Kostümträgerinnen – oder, ganz verrückt – im Grünen: der Bostoner läuft. Also werde ich mitlaufen, obwohl der ganze Endorphin-Quatsch dabei irgendwie an mir vorüber läuft.
Gott sei Dank habe ich direkt jemanden kennengelernt, der mich in seinen Lauf-Club eingeladen hat, als Motivationshilfe. Zwei Mal die Woche, drei oder vier Meilen. Eigentlich wollte ich mich bei der Vier-Meilen-Distanz bereits formvollendet mit einer ausgedehnten Sportverletzungsgeschichte entschuldigen, bis mein neuer Buddy sagte, dass es nach jedem Lauf (Tenor: „Jeder kann mitmachen, es gibt auch langsame Läufer“) Essen und Alkohol in wechselnden Bars gibt. Ich fahre natürlich nächste Woche hin – mit der „T“. Darin sehen Jogging-Schuhe auch ganz fantastisch aus.
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Leserkommentare
05.08.2012 11:21 | radiotrinker
Viel Spaß in Boston, aber dem eigenen Fahrrad einen "witzigen" Namen geben? Das ist nun wirklich im allerschlechtesten Sinn ...