Kolumne Die Couchreporter

Marie Kondo kann uns nicht helfen

Die Autorin eines Bestsellers übers Aufräumen hat jetzt eine eigene Serie. Die macht Spaß, dreht sich aber um das völlig falsche Problem.

Marie Kondo kniet in einem Zimmer, umgeben von Menschen und Unordnung

Die Welt versinkt im Chaos und mittendrin chillt Marie Kondo Foto: Netflix

Am krassesten ist natürlich das Ehepaar in Folge zwei: Wendy und Ron Akiyama. Die beiden stehen kurz vor der Rente – und ersticken in ihrem Besitz. Zumindest fehlt dazu nicht viel, denn das Haus, eigentlich recht groß, ist so zugestellt mit Kisten und Bergen voll Krempel, so zugehängt mit Kleidung, dass man die Möbel darunter und die Wand dahinter oft nicht erkennen kann.

Marie Kondo kann ihr Entzücken darüber kaum verbergen. Sie liebt Unordnung. Denn in der Netflix-Serie „Tidying Up with Marie Kondo“ geht es ums Aufräumen. Längst hat die Serie einen Mini-Hype erzeugt. Menschen rennen durch ihre Wohnung und berühren sanft ihre Gegenstände. Aber es gibt ein Problem: Marie Kondo kuriert nur Symptome.

„Hallo, ich bin Marie Kondo. Ich möchte durch Aufräumen Freude in die Welt bringen“, heißt es zu Anfang jeder Folge. Kondo hat einen Bestseller geschrieben, die deutsche Version heißt „Magic Cleaning. Wie richtiges Aufräumen Ihr Leben verändert“. In 27 Sprachen wurde das Buch der mittlerweile in Amerika lebenden Japanerin übersetzt und weltweit sieben Millionen Mal verkauft. Und nun eben diese Serie, in der Kondo Menschen dabei hilft, auszumisten.

Das Prozedere ist immer das gleiche: Marie Kondo fährt vor, staunt über das Haus, es folgt eine merkwürdig schrille Begrüßung. Dann ein kurzer Rundgang, Kondo freut sich über die Unordnung („I love mess!“). Wenn sie sich dann auf Knien sitzend in einer kurzen Meditation dem Haus vorgestellt hat, geht es los. Nach der von ihr entwickelten KonMari-Methode wird ausgemistet. In dieser Reihenfolge: Erst Kleidung, Bücher, Unterlagen, dann „Komono“ (Vermischtes) und erst zuletzt Gegenstände, an denen man hängt. Alle Teile werden auf einen Stapel getan, einzeln in die Hand genommen. Entfachen sie dabei ein Glücksgefühl („does it spark joy“), dann bleiben sie. Wenn nicht, dankt man ihnen und sortiert sie aus.

Die eigentliche Katastrophe

Das klingt einfach. Nun ist es aber so, dass Dinge eben nicht nur Dinge und Menschen keine eindimensionalen Wesen sind. So schwelen unter dem ganzen Kram auch eine Menge innerer Konflikte. Und die gilt es, gleich mit zu lösen. Da sind zum Beispiel die jungen Eltern, bei denen durch das Chaos in der Wohnung eine aufkeimende Beziehungskrise sichtbar wird. Oder die Witwe, die mit dem Aussortieren auch den Tod ihres Mannes verarbeiten muss.

„Aufräumen mit Marie Kondo“ gibt es bei Netflix.

Für Zuschauer:innen mit voyeuristischen Gelüsten ist diese Serie ein Fest. Es macht Spaß, die unordentlichen Häuser der anderen Menschen anzugucken. Es ist beruhigend, zu sehen, dass auch sie Teile ihres Lebens nicht im Griff haben. Es ist rührend, wie sie sich den leicht esoterischen Methoden Kondos langsam öffnen und mit jedem aufgeräumten Zimmer euphorischer werden. Und mal ehrlich: Vorher-Nacher zieht immer. Dazu eine Marie Kondo, die so grazil an dem Unrat vorbei wandelt und mit feinen Handbewegungen Tipps zum Falten von Spannbettlaken oder dem Verstauen von Krawatten gibt: toll.

Doch so schön die gelösten privaten Konflikte auch sind, die allem zugrundeliegende gesellschaftliche Katastrophe wird nicht thematisiert: das absurde Konsumverhalten des Menschen im Spätkapitalismus. Die Reflexion dessen, welche Rolle das Kaufen spielt – für den einzelnen Menschen, aber auch für Produzent*innen und Umwelt – bleibt aus. Als problematisch werden lediglich die vollgemüllten Häuser wahrgenommen. Den Leuten einzureden, sie sollen weniger kaufen, wäre ja auch unklug. Hielten sich alle dran, würde Kondo schon mal weniger Bücher verkaufen.

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