Kolumne ESC in Tel Aviv #4

Catwalking wie im Hundeasyl?

Am Sonntagabend stieg die große Parade für den ESC mit allen teilnehmenden Ländern. Eine Demonstration blieb friedlich.

Aktivistinnen knien mit verbundenen Augen auf der Straße

Lief friedlich ab: eine Demonstration für die Befreiung Palästinas Foto: dpa

TEL AVIV taz | Offenbar darf in Tel Aviv das Unbotmäßige demonstrativ zur Schau gebracht werden. Sonntag am frühen Abend, die Straßen rund um den Rothschild-Boulevard waren notdürftig abgesperrt, hatte die Stadt Tel Aviv zur Opening Party des Eurovision Song Contest geladen – ins sehr post-bauhausianische Kulturzentrum, kühle Architektur ohne Prunkhülle, dafür mit viel Glashäuten.

Vor dem Metallzaun zum Presse-Eingang hockten sieben junge Frauen, ihre Augen mit schwarzen Binden abgedeckt. Ein Look von machtlos gehaltenen Gefangenen. Sie riefen nichts, niemand hatte Flugblätter parat, nur auf ihren T-Shirts war die Message zu lesen: „Free Palestine“.

Im ganzen Areal rund um das Kulturhaus waren gefühlt wie geschätzt 1.000 Polizei- und Sicherheitsleute gehend, stehend und beobachtend – keineswegs martialisch die eurovisionäre Promi-Meute ins Visier nehmend, aber diese Mikrodemo provozierte bei ihnen nicht einmal hochgezogene Augenbrauen.

So scheint es in Israel, so war es beim ESC 1999 in Jerusalem auch schon: Das Land, von dem allerorten geglaubt wird, es sei im Alltag von einem Hochsicherheitstrakt der bedrängendsten Sorte kaum zu unterscheiden, wirkt so gelassen wie zuletzt beim ESC in Norwegen 2010, als Lena Meyer-Landrut das Eurovisionsfestival gewann.

Aber selbst in Oslo hatten die Sicherheitskräfte, so man sie sah, einen nervöseren Eindruck gemacht. „Free Palestine“ jedenfalls mag als Chiffre des ganz Anderen im israelisch Heimatlichen kämpferische oder dissidenten Gefühle wecken: Nur interessiert das in Israel so recht niemanden.

Bald wird es ernst

Und das mochte – und mag – nicht das Entscheidende sein: Auch niemand vom dreistündigen Defilee über den „Orange Carpet“ – die apfelsinenfarbene, 100 Meter lange Auslegeware zum Drüberschreiten – hatte ein Herz für die Anliegen der politischen Fundamentalopposition in Israel.

Palästina? Jetzt in dieser Zeit der Auftritte vor dem popmusikalischen Wettbewerb ist das ganz einerlei.

Von Zypern bis Russland schritten alle Delegationen an den Pulken der Kameras am Rande, an den Radioleuten und schreibenden Journalisten vorbei, Wichtigkeit markierend durch besonders schleppende Schritte.

Die Stars? Der Franzose Bilal Hassani, der einen autobiograpisch-queeren Titel namens „Roi“ singen wird, trug ein weißes Hochzeitskleid wie ein Engel. Netta Barzilai, Vorjahressiegerin, scheint massiv abgenommen zu haben, bis zu ihrem Mini trug sie Meterzöpfchen in schwarz und gelb – Hof haltend, noch ist sie Königin.

Von einem Eurovisionskünster wird getuschelt, er empfände das Catwalking zum Auftakt der sieben ESC-Tage als unwürdig. Das sei ja wie ein Zug durch ein „Hundeasyl“ – morgen hätten „dich alle wieder vergessen“.

Kommt darauf an, denn ab Dienstag wird es ernst. 17 Acts wollen sich ab 22 Uhr für das Finale am Samstag qualifizieren, einige von ihnen werden ihre Hoffnungen begraben müssen: Nur zehn Acts kommen weiter.

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Postbote, Möbelverkäufer, Versicherungskartensortierer, Verlagskaufmann in spe, Zeitungsausträger, Autor und Säzzer verschiedener linker Medien, etwa "Arbeiterkampf" und "Moderne Zeiten", Volo bei der taz in Hamburg - seit 1996 in Berlin bei der taz, zunächst in der Meinungsredaktion, dann im Inlandsressort, schließlich Entwicklung und Aufbau des Wochenendmagazin taz mag von 1997 bis 2009. Seither Kurator des taz lab, des taz-Kongresses in Berlin, sonst mit Hingabe Autor und Interview besonders für die taz am Wochenende. Interesse: Vergangenheitspolitik seit 1945, Popularkulturen aller Arten, besonders der Eurovision Song Contest, politische Analyse zu LGBTI*-Fragen sowie zu Fragen der Mittelschichtskritik. Er war HSV- und ist jetzt RB Leipzig-Fan. Und er ist verheiratet seit 2011 mit dem Historiker Rainer Nicolaysen aus Hamburg.

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