Kolumne Einfach gesagt

Glitzerkugeln for Sale

Da geht es hin, das Jahr. Merkel, Seehofer und Özil sind zurückgetreten. Chemnitz hat einen Imageschaden und am Ende gibt es ein stinkendes Feuerwerk.

Das Jahr geht zu Ende und Weihnachtskugeln gibt es jetzt wieder for Sale Foto: dpa

„Geil, Helene Fischer ist wieder Single, die wollte ich ja schon immer mal schmutzig machen“, sagte der angeschickerte Normalo auf dem Ottenser Weihnachtsmarkt und bestellte noch ’ne Runde Punch mit Schuss.

„Stimmt, die ist jeden Tag im Jahr mein ganz persönlicher Weihnachtsengel“, sagte sein Freund und ein Dritter mischte sich ein:

„Die hat schon einen Neuen, einen Tänzer, bis zum Anschlag durchtrainiert, sorry, da könnt ihr nicht mithalten Freunde!“

Er hielt ihnen sein Telefon zum Gucken hin.

„Ui, stimmt Jörg, muss man leider zugeben, einer, wo du denkst, da werd ich mal kurz schwul.“ Eine Frau mischte sich ein:

„Habt ihr keine anderen Themen zum Jahresausklang, Jungs, die Nummer beim Spiegel zum Beispiel? Der Journalist Claas Relotius, der seine ganzen Artikel erfunden hat?!“

„Der von Klaas und Joko?“

„Nee, der ist doch kein Journalist, der ist Entertainer.“

„Aber ein guter Journalist sollte irgendwie auch ein büschen unterhaltsam sein, oder? Sonst will man das ja gar nicht lesen.“

„Ja, aber der Relotius hat einfach alles zusammen fantasiert, wo er zu faul zum Recherchieren war. Jetzt ist der Spiegel vom Prinzip her in Teilen auch nicht besser als die InTouch.“

„Haben Joko und Klaas sich nicht auch getrennt?“

„Nichts könnte mir egaler sein.“

„Und das ist doch das Schöne am Jahresausklang, alles wird ein bisschen egal, bei Glühwein und Marzipankartoffeln.“

„Das kann einem schon leid tun für den Relotius, so kurz vor Weihnachten ist sein ganzes hübsches Lügenleben eingebrochen – und vor allem: Wie erklärt der das seiner Frau?!“

„Würd’sagen, da steht die nächste Trennung ins Haus!“

Meine werte Gattin sagt immer: „Lügner sind Loser!“

„Meint ihr, der Silbereisen hat die Helene auch belogen und deshalb ist jetzt Schicht?“

„Vielleicht über seine sexuelle Orientierung!“

„Nee, der hat doch Helenes Gesicht auf den Oberarm tätowiert!“

„Das haben bestimmt noch andere Schwule, das ist kein Argument.“

Die Frau schüttelte den Kopf:

„Mensch Jungs, es gab da doch zuletzt noch andere Themen, die wichtig waren, zum Beispiel hier das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz.“

„Ach, damit beschäftigen wir uns dann im nächsten Jahr und gucken, ob daran was gut ist. War noch was?“

„Ja, Nazis bei der Polizei!“

„Das ist doch nun wirklich ein alter Hut, Sonja. Und gab ja auch Schönes 2018, hier unser Altonese Fatih Akin hat den Golden Globe geholt – und jetzt lass uns mal rüber zum Wurststand auf ’ne Krakauer, da ist es gerade nicht ganz so voll und ich brauch ’ne Grundlage für den Alk und all die Themen.“

Da geht es hin, das Jahr. Merkel, Seehofer und Özil sind zurückgetreten. Deutschland ist trotz Hitze nicht abgebrannt, Kalifornien ein bisschen, Beate Zschäpe wurde nicht zum Tode verurteilt und Deutschland ist nicht Fußballweltmeister geworden, Chemnitz hat einen Imageschaden, Herzen wurden gebrochen und verschenkt, es wurde berichtet, verschwiegen, gelogen, geleakt und am Ende gibt es Glitzerkugeln for Sale, ein stinkendes Feuerwerk und einige lieben das und einige hassen das und morgen ist ein neuer Tag.

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ist Schriftstellerin in Hamburg. Ihr letzter Roman „Hotel Jasmin“ ist im Tropen/Klett-Cotta Verlag erschienen. Alle zwei Wochen verdichtet sie in dieser taz-Kolumne tatsächlich Erlebtes literarisch.

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