Kolumne Kapitalozän

Versöhnung mit schwarzen Löchern

Die Standardmodelle von Physik und Ökonomie haben eines gemein: Sie sind am Ende. Kuchen und kosmische Geschlechtsakte könnten helfen.

Bunte Farben

Simulation eines Geschlechtsaktes zweier Schwarzer Löcher.  Foto: dpa

Die Erleuchtung überkam mich, als ich den theoretischen Physiker Gian Francesco Giudice in Genf besuchte. Giudice arbeitet in einem bescheidenen, lichten Büro am Kernforschungszentrum Cern, schreibt Formeln an eine Wandtafel und nennt sie liebevoll „ein paar Gedanken“.

Giudice setzte mich über News in Sachen Ursprung des Universums in Kenntnis. Als wir gemeinsam über das Energieniveau des Higgs-Feldes kurz nach dem Anbeginn des Seins sinnierten, erkannte ich, dass alles zusammenhängt: Kapitalismus, Stringtheorie, Gravitationswellen. Und Liebe.

Kompliziert. Also: In der Stringtheorie besteht das Universum aus winzigen, eindimensionalen Saiten, die in einem elfdimensionalen Raum-Zeit-Gebilde schwingen und am Ende so etwas Leckeres wie einen dreidimensionalen Schokoladenkuchen ergeben. Logisch? In der Ökonomie tauschen Menschen bunte Scheinchen mit Brücken oder verstorbenen Präsidenten darauf gegen Schokoladenkuchen ein. Logisch?

In der Physik lässt sich der fantastischste Quatsch präzise vorhersagen: Falls ein Komet die Erde vernichten sollte, wissen wir das garantiert ein paar Jahre vorher und können noch ein wenig in Anarchie leben. Und trotzdem steht die Physik vor einem Berg von Fragen. Kürzlich las ich im Buch eines berühmten Stringtheoretikers einen schönen Vergleich: Die mathematische Beschreibung dieser Strings sei so kompliziert, dass sich ihre Vordenker fühlen wie ein Steinzeitstamm, der ein abgestürztes Flugzeug entdeckt hat und anfängt, an den Knöpfen rumzudrücken.

Das ist deprimierend, es gibt aber noch die Liebe.

Mit den Ökonomen verhält es sich ähnlich. Ich meine nicht all diese bekloppten Aktienheinis. Ist schon lustig, wenn sich alle paar Jahre die Kurse aufblähen und, kurz nachdem auch noch der letzte Kleinanleger sein Erspartes an die Börse trägt, wieder zusammenschnurzeln. Dann wundern sich alle wie die Stiere, die sich beim ersten Frost den Schniedel abfrieren. Da hätte ein wenig Volkswirtschaftslehre wohl geholfen.

Nein, ich spreche von handfesten ökonomischen Modellen. Mit denen lassen sich zwar die Zyklen der Wirtschaft grundlegend beschreiben. Dennoch sind die Standardmodelle der Ökonomie so sehr am Ende wie die der Physik. Momentan pumpen Notenbanken unendlich Geld in die Wirtschaft, erfinden negative Zinsen, der Ölpreis spinnt, die Staaten sind überschuldet, die Geldschwemme führt zu Ungleichheit, kein Mensch kann sich mehr eine Immobilie leisten. Jeder weiß, dass es so nicht weitergehen kann.

Das Kapitalozän ist ein eigenes Erdzeitalter. In dieser Kolumne geht es ums Überleben in selbigem. Vielleicht kennen Sie bereit das Anthropozän. Super Palaverthema. Wie die Kreidezeit, das Jura oder das Paläoproterozoikum, so ist auch das Anthropozän ein eigenes Erdzeitalter. Es besagt, dass die Menschheit durch Acker- und Bergbau, durch Städte, Atombomben und Straßen die Erde so sehr umgegraben hat, dass man das noch in 1000 Millionen Jahren im Gestein erkennen wird.

Das Kapitalozän ist die linksökologische Erweiterung des Anthropozäns. Demnach ist es nicht der Mensch an sich, der Ánthropos, der den Planeten geologisch verändert. Nein, es sind die Kapitalisten. Schließlich können, global gesehen, die meisten Menschen nichts für die Naturzerstückelung.

Das ist deprimierend, es gibt aber noch die Liebe. Kürzlich haben wir gelernt, was passiert, wenn sich zwei schwarze Löcher in einem kosmischen Geschlechtsakt verschlingen: Sie erzeugen dann Gravitationswellen. Die kann man eine Milliarde Jahre später am anderen Ende des Universums messen, als Verzerrung der Raumzeit. Und wie wir wissen, passiert das auch, wenn sich zwei Menschen lieben. Dann gibt es Gravitationswellen, die durch das All sausen. Das sagt das Standardmodell der Physik, nicht das der Ökonomie. Weshalb mir schwarze Löcher sympathischer sind als Ökonomen.

 

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