Kolumne Liebeserklärung

Gedenken an den Buckel-Volvo

Immer weniger 18-Jährige machen heute Führerschein. Dabei hatte es was, wenn Jungs einen früher mit ihrer Karosse beeindrucken wollten.

Pärchen lehnt an einem Auto vor Sonnenuntergang

Könnte man so romantisch an einem E-Bike lehnen? Na also Foto: Devon Divine/Unsplash

Junge Menschen lassen sich immer häufiger Zeit mit dem Erwerb des Führerscheins. Das stellte jetzt der ADAC-Vizepräsident Ulrich Klaus Becker im Interview mit der Nachrichtenagentur AFP fest. Die Zahl der Fahrerlaubnisse für die 18- bis 24-Jährigen ist innerhalb von fünf Jahren um 10 Prozent gesunken.

Offenbar gehört es heute nicht mehr zum Erwachsenwerden oder gar zur „Mannwerdung“, den Führerschein zu machen und die Angebetete zu beeindrucken, in dem man sie mit dem Auto abholt, ausfährt und heimfährt. Die Abschiedssituation im Wagen vor der Haustür schuf stets einen Moment der Hochspannung, der fragenden Erwartung, jedenfalls wenn es sich um eine neue Bekanntschaft handelte.

Tja, vorbei. Kein Auto, kein Heimfahren, und sowieso kein Parkplatz mehr vor der Haustür. Wer in den Metropolen erst mal eine halbe Stunde einen Parkplatz suchen muss, kann niemanden mehr mit dem Benzinfresser beeindrucken. Ein Auto haben nur noch Menschen in der Provinz, die sich abgehängt fühlen im Nahverkehr, sich wegen der hohen Spritpreise ohnehin als diskriminiert betrachten und aus Protest gegen das Abgehängtsein gerne auch eine Gelbweste überziehen würden.

Schade, denn schön war es doch, in den 70ern und 80ern durch die Nacht zu gleiten, im alten Daimler von S., einem 200er, Modell „kleine Heckflosse“. S. hatte es billig erworben, denn nur Optimisten, Risikofreudige oder Bastler wagten damals, einen maroden Daimler zu erstehen, der unschön liegen bleiben konnte. So mutig waren auch die Besitzer alter Buckel-Volvos, zum Beispiel des PV 544. Die Karosserie war so dick, dass man sich beschützt und abgeschirmt fühlte von der Welt, wenn K. zu einer nächtlichen Fahrt über die Köhlbrandbrücke in Hamburg lud.

Eher praktisch wirkte hingegen der neue Simca 1000 von L., klein, aber ausreichend für eine Teenagerbegegnung. Ein solches Auto war ein Geschenk vom Vater, im Unterschied zu alten Daimlers und Volvos, die sich die Jungs im Studentenalter selber kauften, um Stil und Nonkonformismus zu demonstrieren. Die Jungs von damals sind heute alt und radeln, um was gegen das Herzinfarktrisiko zu tun. Der ADAC rät zu einer Probefahrt mit dem Pedelec. Man kann jetzt nicht sagen, dass alles schlechter wird.

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Redakteurin für Sozialpolitik und Gesellschaft im Inlandsressort der taz. Schwerpunkte: Arbeit, Psychologie, Alter, Flüchtlinge. Bücher: "Schattwald", Roman (Piper, August 2016). "Können Falten Freunde sein?" (Goldmann 2015, Taschenbuch).

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