Kolumne Lügenleser

Deutschland, deine Kommentare

In Bautzen applaudieren sie wieder vor brennenden Heimen – wie damals. Und was macht „das Volk“? Braust höchstens bei Facebook auf.

Abgebrannte Flüchtlingsunterkunft in Bautzen.  Foto: dpa/picture alliance

Was da in Clausnitz passiert ist, möchte man so nicht stehen lassen. Mal wieder. „Wir sind das Volk“, das war doch mal was Positives, so tönt es aus den virtuellen Ecken. Nein, war es nicht. Schon 1989 wurden euphorisch Reichskriegsflaggen geschwenkt.

Die Taten und Stimmung der neunziger Jahre, Lichtenhagen und Hoyerswerda, nichts davon wurde je aufgearbeitet. Die Integration Sachsens scheint gescheitert. Dabei war das doch abzusehen, oder?

„Die Situation in den Heimen und Lagern spitzt sich immer mehr zu, Meldungen über Saufereien und Raufereien häufen sich. In einigen Heimen herrsche eine derart aufgepeitschte Stimmung, berichtet ein Sozialdezernent, (…) das ist schon beinahe lebensgefährlich.“

So berichtete Der Spiegel 1990 über DDR-Flüchtlingsheime im Westen. Wie jetzt? Der Deutsche an sich ist gar nicht besser als der Rest der Welt? „Lügenpresse! Lügenpresse!“, hallt es dumpf durch die meterdicken Wände meiner Altbauwohnung. Keine Ohrstöpsel, kein zugeklappter Laptop, keine Scheuklappen auf dem Gang durch die Stadt verschaffen Linderung.

Sächsisches Volksfest

Und Clausnitz ist nur die aktuellste der täglichen Wahnsinnigkeiten. Sahnehäubchen gefällig? Das Heim, in welches der Bus fahren sollte, leitete ein AfD-Mitglied. Sein Name: Thomas Hetze. Der Name ist Pogrom. Verzeihung, Programm.

Sein Bruder war Mitorganisator des sächsischen Volksfests, das jetzt als aus dem Ruder gelaufener, gerechter Volkszorn dargestellt wird. Die komplette Abwesenheit von demokratischen Standards führt aber höchstens noch zu einem Aufbrausen in den Kommentarspalten. Nicht wirklich überraschend.

„Der Rassismus entspringt der Mitte der Gesellschaft“ das wussten wir Superaufgeklärten schon immer, diese Erkenntnis hilft jetzt aber auch nichts. „Manchmal helfen Schellen“ haben es zwei Musiker in ihrem gleichnamigen Song treffend beschrieben.

Einige Kilometer weiter, in Bautzen, applaudieren sie wieder vor brennenden Häusern, genau wie damals. Und dem damals davor. Inzwischen hat jemand ein Transparent an dem Zaun vor der Brandruine befestigt. Die TV-Reporter stellen sich gerne davor. „Wenn Häuser brennen darf man nicht klatschen“ steht dort geschrieben.

Fröhlich relativieren

Danke für den Hinweis, doch in Clausnitz wird wohl alles weitergehen wie zuvor. „Ich kann Kritik an diesem Polizeieinsatz nicht erkennen“, sagt Innenminister Thomas de Maizière. Merkt er eigentlich, was er da sagt?

Auch im Internet wird weiter fröhlich relativiert oder eben angeklagt, welche Fraktion den „Top-Kommi“ setzt, hat für diesen Tag gewonnen. Man hantiert mit Statistiken, Beleidigungen, Unterstellungen und irgendeinem Känguruh, das immer ganz viele Likes absahnt.

Wo lag noch mal der Hindukusch? Unsere Freiheit wird auf Facebook verteidigt. Deutschland, ein Social- Media-Märchen. Kleiner Tipp: Es wird Zeit, auf die Straße zu gehen. Nicht morgen und auch nicht erst, wenn irgendwer einen „Aufstand der Anständigen“ fordert. Sondern sofort.

Und nicht vergessen: Wenn Häuser brennen, darf man nicht klatschen! Aber manchmal helfen Schellen.

 

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