Kolumne Lügenleser

O du himmlische Jahresrücksblickszeit

Bei Facebook gibt es wieder Jahresrückblick-Videos. Super. Nirgendwo sonst gibt es so viele unqualifizierte Experten und schlechte Witzbolde.

Rote und goldene Kugeln hängen an einem Tannenbaum

Endlich wieder Jahresrüblick? Och nö Foto: freestocks.org/Unsplash

Es ist die Zeit der Jahresrückblicke. Und falls sie sich schon mal gefragt haben, warum diese Kolumne eigentlich „Lügenleser“ heißt, ist hier die Antwort: Sie können sich bei Facebook bedanken. Nirgendwo sonst gibt es eine solche Masse an unqualifizierten Experten, moralinsauren Wichtigtuern, hobbymäßigen Juristen und „Durfte da der Praktikant mal wieder an die Tastatur“-Witzbolden wie in diesem Netzwerk, welches eigentlich nur noch dazu dient, nachzufragen ob einem jemand einen Bohrer leihen kann.

Ansonsten tummeln sich auf der Plattform nur noch die Eltern von ehemaligen Klassenkameraden, Leute die sich ihre tägliche Dosis „4 Syrer attackieren 100 blonde Polizistinnen in Oberammergau mit Messern“-Artikel abholen wollen und Menschen, die Gewinnspiele teilen. Und das ist auch gut so. Denn wer wirklich glaubt, dass Apple dreihundert Laptops verschenkt oder man eine Island-Reise gewinnen kann, wenn man das Bild eines fragwürdigen Accounts teilt, der hat es auch verdient, in den Kommentaren zwischen Marc Uwe Kling-Fans und Menschen, die sich drei Zitate aus Sarrazins neuestem Schinken raus gesucht haben, zerrieben zu werden.

Sie alle bevölkern die Kommentarspalten lediglich, um irgendwem zu erzählen, dass er oder sie falsch läge. Dabei werfen sie sich wahlweise vor, es entweder mit der Rechtschreibung oder mit der Wahrhaftigkeit nicht so genau zu nehmen. Und so habe ich sie „Lügenleser“ getauft.

Ein tägliches Trauerspiel

2018 bestand meine Recherche für die Kolumne meist darin, mir diese Kommentare über Stunden durchzulesen und zu analysieren. Oder nach Dummheit zu sortieren. Wenn sie sich fragen, woher meine Wut kommt, wissen sie es nun.

„Das ist Diskussionskultur“ höre ich Sie bereits wütend in die Tastatur hämmern. Einzig: Nein, ist es nicht. Denn da verbringen Gut- und Schlechtmenschen, Liberale und Konservative, Arme und angeblich Reiche ihre Zeit damit, sich im Internet die immer gleichen Schablonensätze um die Ohren zu hauen. Ziel ist es dabei, einen Kommentar zu verfassen, der möglichst weit oben landet.

Es ist ermüdend und frustrierend zugleich, diesem täglichen Trauerspiel beizuwohnen. Und es war sogar noch wesentlich frustrierender, Teil davon zu sein. Denn wenn man erst mal angefangen hat, ist es schwer wieder aufzuhören. Das ist wie mit den Drogen. Nur noch einmal antworten, auf diesen vollkommen fremden Dummbatz da im world wide web, dann ist wirklich Schluss.

Ein Streitverbot fürs Internet

Alles veränderte sich als meine Freundin mir vor über einem Jahr ein Streitverbot fürs Internet erteilte. Erst fiel es mir schwer, doch dann wurde es mit jedem Tag besser. Und nun, wenige Tage vor dem Jahreswechsel, hatte Facebook eine persönliche Botschaft für mich: Man habe nicht genügend Content von mir, um mir ein persönliches 2018-Rückblick-Video zu erstellen. Ich soll doch bitte mehr posten.

Einen Teufel werd ich tun. Stattdessen wünsche ich mir für all die „Lügenleser“, dass man ihre gesammelten Kommentare in ein solches Video packt und ihnen am Stück vorführt. Wem dieser Jahresrückblick dann nicht peinlich ist, der kann weiter Gewinnspiele teilen.

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Juri Sternburg, geboren in Berlin-Kreuzberg, ist Autor und Dramatiker. Seine Stücke wurden unter anderem am Maxim Gorki Theater und am Deutschen Theater in Berlin aufgeführt. Seine Novelle "Das Nirvana Baby" ist im Korbinian Verlag erschienen. Neben der TAZ schreibt er für VICE und das JUICE Magazin.  

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