Luft und Liebe

Von Schäfchen und Storchenküken

Kolumne von Margarete Stokowski

Hach, die zwei Hübschen.   Bild:  beide dpa

Für 15 Minuten war die Welt letzten Donnerstag eine bessere Welt. Exakt eine Viertelstunde lang waren wir alle ein bisschen freier als sonst. Es war die Zeit zwischen 20 Uhr, als der Papst zurücktrat, und 20.15 Uhr, als die neue Staffel von „Germany’s Next Topmodel“ noch nicht begonnen hatte. Oh, es war eine glückliche Zeit.

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Sie war kurz, aber geil. Menschen zogen sich ihre unbequemen Schuhe aus, rissen sich die Kleider vom Leib, sie atmeten die frische, kalte Frühlingsluft wie am ersten Tag. Sie liebten einander, als gäbe es kein Morgen, und in den Augenblicken, in denen sie sich nicht gerade küssten, schoben sie sich große Pizzastücke mit sehr viel Käse in den Mund oder fütterten einander mit Nougattorte.

Millionen Menschen zogen sich Stöcke aus ihren Ärschen. Schwule Pfarrer kletterten mit ihren Lovern auf Kirchtürme und sangen „I will survive“. Mädchen, die jahrelang von ihren Kirchenchorleitern sexuell genötigt worden waren, tanzten nackt über Blumenwiesen und jonglierten mit Champagnerflaschen, während die ehemaligen Chorleiter sich in Filzläuse in den Schamhaaren eines Gorillas verwandelten. Models sprangen lachend von Laufstegen, verschenkten ihr Koks an die Penner in der U-Bahn und schlürften dicke Vanille-Milchshakes.

Margarete Stokowski

Margarete Stokowski

ist Autorin der taz. Sie twittert auch (@marga_owski). Wie der Papst.

„Jetzt könnte man die Sache mit dem Katholizismus elegant, gleichsam zufällig ausklingen lassen“, schlug Sibylle Berg auf Twitter vor. Oh, wenn man nur könnte! Und „Germany’s Next Topmodel“ gleich mit. Bitte.

Lächeln, winken, Mädchen quälen

Denn Heidi Klum und den Papst (egal welchen) kann man ohnehin kaum unterscheiden. Beide tragen bekloppte Kleider, reisen, lächeln und winken viel, beide haben eine Horde gepeinigter Seelen als Fangemeinde: hier die Mädchen, da die Schäfchen. Auf Twitter haben sie fast gleich viele Follower. Der Papstaccount hat, auch wenn er gerade unbesetzt ist, etwa 1,6 Millionen Follower, Heidi knapp 1,4 Millionen. (Na gut, das stimmt nicht ganz. Der allgemeine Papstaccount hat 1,6 Millionen Follower, aber es gibt noch acht weitere Accounts, in acht Sprachen. Dafür hat Heidi Klum vier Kinder, drei von ihr kreierte Parfums und eine nach ihr benannte Rosensorte.)

Beide vertreten Ideale, die unzähligen Menschen das Leben hart und hässlich machen. Der Papst verbreitet sein müffelndes Weltbild, Heidi Klum quält magere, unsichere Storchenküken, die quieken, wenn sie gelobt werden, und weinen, wenn man sie kritisiert. Das „Optisch bist du wunderhübsch“ von Heidi Klum ist das „Gesegnet seist du“ des Papstes.

In der Zeit schrieb Elisabeth Raether, Frauen seien gar nicht so lieb, wie alle denken. Frauen, so die These, können genauso schlimm und scheiße sein wie Männer: Sie können Diktatorinnen, Mörderinnen, eiskalte Verbrecherinnen sein. Wer einmal Heidi Klum und ihre „Mädels“ gesehen hat, weiß das. Wenn die Mädels zu sehr leiden, sagt Heidi: „Hab ’n bisschen mehr Spaß!“

Es ist nicht so, dass ich später meiner Tochter verbieten werde, bei „Germany’s Next Topmodel“ mitzumachen. Es ist nur so, dass sie mir versprechen müsste, vor laufender Kamera (live, unbedingt) Heidi Klum eine zu klatschen. Mutti wäre stolz.

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