Kolumne von Andreas Zumach

Einwohner der Gemeinde Fiesch bei einer Prozession zum Gebet für den Alletschgletscher. Bild: dpa
Der Glaube an Gott kann Berge versetzen, heißt es sinngemäß in der Bibel (Matthäus, Kapitel 17, Vers 20). Zumindest kann der Glaube Berge zum Schrumpfen, aber auch wieder zum Wachsen bringen. Davon jedenfalls sind die knapp 1.000 mehrheitlich katholischen EinwohnerInnen der Gemeinde Fiesch im Schweizer Kanton Wallis fest überzeugt. Diese Überzeugung beruht auf 340-jähriger Erfahrung.
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Im frühen 17. Jahrhundert wurde das im oberen Rhonetal südlich des berühmten Jungfraujochs gelegene Dorf mehrfach durch Wassermassen verwüstet. Das Wasser kaum aus dem rund 15 Kilometer entfernten, über 3.000 Meter höheren Aletschgletscher.
1678 legten die Fiescher KatholikInnen deshalb ein von Papst Innozenz XI. genehmigtes Gelübde ab, den Naturgewalten ein Ende zu setzen. Seitdem zogen sie jedes Jahr am letzten Julitag zur Kapelle im nahe gelegenen Ernerwald und beteten für die Abschmelzung des Gletschers. Mit großem Erfolg. Seit 1678 wurde Fiesch von durch Gletscherwasser verursachten Katastrophen verschont.

Andreas Zumach
ist taz-Korrespondent in Genf.
Foto: Kristin FloryDer Aletsch gehört seit 2001 zum Unesco-Weltkulturerbe und ist der größte Gletscher der Alpen: über 23 Kilometer lang, mit einer Eisdicke von bis zu 900 Metern und einem Gesamtgewicht von 27 Milliarden Tonnen. Würde man das gesamte Gletschereis abtauen, könnte man mit dem Schmelzwasser jeden der knapp 7 Milliarden ErdbewohnerInnen über sechs Jahre täglich mit einem Liter Wasser versorgen.
Jüngere Messungen haben aber ergeben, dass der Gletscher seit Mitte des 19. Jahrhunderts an den Seiten und im Zungenbereich um mehrere Quadratkilometer geschrumpft ist. Die Eisdicke hat seit 1850 um über 100 Meter abgenommen. Nach 1983 hat sich die Schrumpfung des Gletschers deutlich beschleunigt. Inzwischen fürchten die Fiescher nicht mehr Überschwemmungen mit Gletscherwasser, sondern sie sorgen sich um den Erhalt des Aletsch als Trinkwasserreservoir und als Touristenattraktion.
Dass die Abschmelzung des Gletschers Folge der globalen Erderwärmung ist, ist den Fieschern zwar nicht ganz unbekannt, doch sie setzen weiterhin auf ihren Glauben. Auf ihre Bitte hin genehmigte Papst Benedikt XVI., dass das Gelübde aus dem Jahr 1678 nun umgewandelt wird. Seit diesem Sommer wallfahren und beten die Fiescher Katholiken nun alljährlich dafür, dass der Aletschgletscher wieder wächst.
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Leserkommentare
20.08.2012 02:40 | Udo Henn
Ich bin davon ueberzeugt, dass die Fiescher Katholiken auch diesmal einen vollen Erfolg haben werden, denn es gibt durchaus ...