Kolumne von Markus Völker
Sind die Polen überhaupt ein Fußballvolk? Wenn man sich die leeren Fußballkneipen anschaut und die paar Leute vor den Bildschirmen, dann muss man wohl sagen: Sie sind es eher nicht. Ein Fußballvolk waren sie allenfalls für zwei Wochen, vermuten wir. Polen spielte noch mit, schaffte es in der vermeintlich einfachsten Gruppe aber nur auf den letzten Platz. Die Fanzonen waren noch voll. Jetzt sind sie so überflüssig wie nur irgendwas.
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Polen hat die EM schon lange abgehakt. In Danzig und Zoppot war es in den letzten Tagen gespenstisch ruhig. Was war das doch für ein Remmidemmi, als die Iren noch da waren und sich die Polen als Partypatrioten versuchten. Da wurde die Ostseeküste zum Ballermann und gegrölt bis früh um sieben. Die Journalisten konnten froh sein, wenn sie ihr Quartier abseits der Grölmeile bezogen hatten und das „Polskaaaa, Bialo-Czerwoni“ (Polen, rot-weiß) nicht hörten.
Ich kann sie immer noch nicht deuten, die polnische Fußballkultur. Um ihr näherzukommen, habe ich mir Videos von polnischen Ligaspielen angeschaut. Stets landete ich bei Schlägereien verfeindeter Hooligangruppen. Anabolikagestärkte Muskelprotze mit kurzen oder gar keinen Haaren gingen an einer Lichtung in Aufstellung, marschierten aufeinander zu und hieben aufeinander ein, bis das letzte Auge blau war.

MARKUS VÖLKER
ist Sportredakteur der taz und während der EM in Polen.
Foto: tazEs gibt viele Videos von diesen Auseinandersetzungen und man wünscht sich, sie seien nicht prototypisch für den polnischen Fußball. Wenn doch, wäre der Fußball zwischen Krakau und Warschau, Posen und Danzig noch nicht da, wo er in Westeuropa mitunter schon ist: angekommen im Familienleben. Wochenendtrips zu Bundesliga-Spielen stellen meist keine Gefahr da, sie sind so gewöhnlich wie ein Besuch im Zoo. Es geht nicht nur um männerbündische Darstellungsformen, sondern um angstfreie Unterhaltung.
Trotzdem: Polen ist und bleibt ein Fußballland. Man denke nur an die Stadtderbys der Krakauer Vereine Cracovia und Wisla, an Kicker wie Jan Tomaszewski oder Grzegorz Lato, die 74er-WM-Helden. Lato ist heute Verbandspräsident, aber sein Tor im Spiel um Platz drei gegen Brasilien hat ihm erheblich mehr Ruhm eingebracht als sein Wirken als Funktionär. 1972 wurde Polen Olympiasieger und zwei Jahre später gewannen sie WM-Bronze. Das ist über 40 Jahre her. Es hätte dem polnischen Fußball gut getan, wenn er 2012 ein paar neue Helden erschaffen hätte. Die Chance wurde verpasst.
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Unser Programm: taz.de begleitet die Fußball-EM 2012 in den Schwerpunkten „Aufm Platz“ mit allen Spielberichten und Analysen, „Mixed Zone“ mit allem, was in Sachen Fußball eben nicht auf dem Spielfeld passiert und „Tribüne“, der die Perspektive von außen aufs Geschehen einnimmt.
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Das Team: Aus den Stadien und dem Quartier der deutschen Mannschaft berichten die taz-Sport-Redakteure Andreas Rüttenauer und Markus Völker. In Warschau beobachten Gabriele Lesser und Uli Räther das Geschehen, in Kiew Juri Durkot. In Berlin sind dabei: Svenja Bednarczyk, Frauke Böger, Michael Brake, Jan Feddersen, Enrico Ippolito, Johannes Kopp, Katerina Mishchenko, Barbara Oertel, Erik Peter, Jan Scheper und Deniz Yücel.
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