Kolumne von Andreas Rüttenauer
Donezk verabschiedet sich mit einer Schnulze auf die Schönheit der Stadt von seinen Gästen. Über den Bahnhofsplatz dröhnt die Hymne auf den EM-Ort, während Hunderte Fußballtouristen in den Zug nach Kiew steigen. Beinahe alle reden über Fußball, und beinahe alle ärgern sich, dass sie das Halbfinale zwischen Deutschland und Italien nicht sehen können. Zwei Stunden vor der Ankunft ist Anpfiff. Schon vorher Raunen im Zug. Kroos, der spinnt doch, sagen die Deutschen. Kroos, der ist doch auch bei Bayern. Die ukrainischen Fußballexperten beraten sich. Aber warum macht Löw das?
Ist Ihnen dieser Artikel etwas wert?
Zwei Deutsche rufen in der Heimat an. Der eine bittet seinen Bruder, den Hörer an den Fernseher zu halten. Zunächst ist er glücklich. Er kann den Kommentar verstehen. Scheiße, Steffen Simon, na gut, man kann nicht alles haben. Dann bricht die Verbindung ab.
Neben mir sitzt ein ukrainischer Fotograf. Er bearbeitet die Bilder, die er beim Sieg Spaniens gegen Portugal gemacht hat. EM-Sponsor Canon hat ihm dafür eine professionelle Ausrüstung geliehen. Er ist glücklich, als er sieht, wie scharf die Mücke ist, die über Iker Casillas’ Kopf fliegt, als er zum Ball hechtet.

Andreas Rüttenauer
ist Sportredakteur der taz und während der EM in der Ukraine unterwegs.
Foto: tazBalotelli. Ein Ukrainer mit tiefen Säuferbass weiß als Erster vom ersten italienischen Tor und teilt es dem Waggon mit. Fast jeder bekommt eine SMS. Ein paar spanische Fans klatschen. Fehler Badstuber, weiß einer schnell.
Der Mann hinter mir versucht, einen Tweet abzusetzen. Er tippt das Ergebnis ein und teilt es der Welt mit. Ich frage ihn, warum. Die Leute erwarten das von mir, sagt er und stellt sich vor. Hinter mir sitzt Duan Xuan, einer der bekanntesten chinesischen Sportreporter. Seine TV-Show „World Football“ kennt in China jeder, der sich für Sport interessiert. Er hat 12 Millionen Follower auf Twitter, sagt er.
2:0 Balotelli. Foul, schreit einer der Deutschen, nachdem er eine SMS bekommen hat. Abseits, ruft der andere Deutsche. Jetzt klatschen die Spanier ganz laut. Duan Xuan twittert. Stille Post nach China.
Als wir aussteigen, fällt das 1:2. Da laufen längst die Diskussionen. Kroos, wie kann man nur! Die Spanier wissen nicht mehr, ob sie sich freuen sollen, dass ihr Team gegen Italien spielt. Wir diskutieren über Aufstellungen, die Torfolge, das Talent von Balotelli und das deutsche Unvermögen. In Kiew stehen wir noch lange auf dem Bahnsteig und unterhalten uns über ein Ereignis, das wir nicht gesehen haben. Das geht gut. Das Finale wollen wir aber schon sehen.
Bayern München holt sich in Wimbley Europas Fußball-Krone. Borussia Dortmund konnte den Druck der Bayern-Elf nicht standhalten. von Andreas Rüttenauer

Unser Programm: taz.de begleitet die Fußball-EM 2012 in den Schwerpunkten „Aufm Platz“ mit allen Spielberichten und Analysen, „Mixed Zone“ mit allem, was in Sachen Fußball eben nicht auf dem Spielfeld passiert und „Tribüne“, der die Perspektive von außen aufs Geschehen einnimmt.
***
Exklusiv auf taz.de: Lesen, was Sie verpasst haben - verstehen, was Sie gesehen haben: Alle Spielberichte kurz nach Abpfiff auf taz.de/em. Mit dem entscheidenden Moment, dem Spieler und der Pfeife des Spiels und der Schlussfolgerung.
***
Facebook: Leibesübungen – taz.sport ist jetzt auch hier.
***
Das Team: Aus den Stadien und dem Quartier der deutschen Mannschaft berichten die taz-Sport-Redakteure Andreas Rüttenauer und Markus Völker. In Warschau beobachten Gabriele Lesser und Uli Räther das Geschehen, in Kiew Juri Durkot. In Berlin sind dabei: Svenja Bednarczyk, Frauke Böger, Michael Brake, Jan Feddersen, Enrico Ippolito, Johannes Kopp, Katerina Mishchenko, Barbara Oertel, Erik Peter, Jan Scheper und Deniz Yücel.
Der heißeste Ort der Welt, ein Tiger macht Kopfstand und Bäume in Käfigen. Unsere Bilder der Woche.

Bond-Schurkin, Stil-Ikone, Musikerin: Das Gesamtkunstwerk Grace Jones hat Geburtstag.

David Beckham beendet seine Fußballer-Karriere. Wird er jetzt etwa Vollzeitpapa, Model oder Frührentner? Ach, uns fallen da noch ein paar andere Sachen ein...

Ein echt fieser Augapfel, ein Harley-Davidson-Skelett, Buddha hat Geburtstag und jede Menge Quallen. Unsere Bilder der Woche.


Leserkommentare
29.06.2012 20:53 | Petrosilius Zwackelmann
Meine Güte. Eine SMS im Zug bekommen. Tolle Wurst. Ist ja langsam gut. Italien großartig - ach was - ganz ganz ganz großart ...