Kolumne Press-Schlag

Kein Löw ist auch keine Lösung

Das Abc des Nationalismus sucht den Fußball heim. Die Krise der Nationalmannschaft kann man ohne den politischen Rechtsruck nicht verstehen.

Joachim Löw gestikuliert

Nichts hilft mehr, da kann Löw dirigieren, wie er will Foto: ap

Es sind ja nicht nur politische, ästhetische oder historische Gründe, die es nach dem 0:3 gegen die Niederlande verbieten, von „Untergang“, „Debakel“, „Blamage“ oder „Schande“ zu schwadronieren. Sich um eine angemessenere Sprache zu bemühen ist auch fußballerisch geboten.

Fußballerisch! Das heißt so viel wie: nicht nationalistisch!

Zum Verständnis des 0:3 gehört, dass sich die Niederlande effizienter an einen Neuaufbau gemacht haben als der Trainerstab um Jogi Löw. Doch die hatten als Nichtqualifikant anlässlich der WM auch eine noch fettere Klatsche bekommen haben als die Deutschen mit ihrem Vorrundenaus. Da die früheren Fehler, mit denen der neue Bondscoach Ronald Koeman zu tun hat, größer ausgefallen waren, kann er jetzt schneller punkten. Und er hatte schon seit Februar Zeit dafür.

Jogi Löw fehlt diese Zeit. Kurz nach der miserablen WM musste er in die neue Pflichtspielserie gegen Teams wie Frankreich und die Niederlande. Und so klar wie für Ronald Koeman sind für Löw frühere Fehler nicht erkennbar. Das Konzept, das seit 2006 die DFB-Elf zur Weltklassemannschaft machte und 2014 gar zum Titel führte, muss er weiterverfolgen. Es ist ohne erfolgversprechende Alternative.

Dieses Konzept fußte auf einer ab 2004 beginnenden breiten Integration möglichst aller Talente im hiesigen Fußballbetrieb. Die noch von alten Funktionsträgern wie Berti Vogts oder Matthias Sammer hochgehaltene Orientierung auf sog. Biodeutsche war, das haben Löw und sein Vorgänger Jürgen Klinsmann deutlich gesehen, mit den Anforderungen des Weltfußballs nicht zu vereinbaren. Es waren gerade Spieler wie Jérôme Boateng, wie Sami Khedira oder wie Mesut Özil, die für die nötige Weltöffnung sorgten. Auch Spieler wie Toni Kroos oder Manuel Neuer sorgten für das hochmoderne Spiel des vergangenen Jahrzehnts.

„Mit unseren wär das nicht passiert“

Doch Jogi Löw erlebt gerade, dass diese mit seinem Namen und seiner Fußballkompetenz verbundene Modernisierung zumindest stottert, wenn nicht gar scheitert. Und er muss fassungslos mit ansehen, dass er gar nichts dagegen machen kann. Auf dem Platz hat er nicht mehr die Generation der aufstrebenden Weltklassespieler, die der Bundesliganachwuchsarbeit entstammen. Von dem Kader, der in Amsterdam verlor, fallen bestenfalls Joshua Kimmich und Leroy Sané in diese Kategorie.

Schon während der WM zeigte sich: Länder wie Frankreich, Belgien oder England haben nicht nur auch gute Nachwuchsarbeit, sondern bessere. Doch die dumpfe und falsche Antwort, wie sie in der Özil-Debatte offenbar wurde, lautet: „Wir haben die falschen spielen lassen, mit unseren wär das nicht passiert.“

Wer im Weltfußball Erfolg hat, macht ja etwa das, was Pep Guar­dio­la, Jürgen Klopp, Thomas Tuchel oder eben Jogi Löw machen.

Jogi Löw und sein Team sind also auch mit dem politischen Rollback konfrontiert, das Deutschland gerade dramatisch nach rechts rücken lässt. Plötzlich sind Herkunft, Religion und sogar die Bereitschaft, eine Hymne zu schmettern, auch zu Kriterien einer Nominierung avanciert.

Es ist die Ahnungslosigkeit, die Borniertheit, die Crux, also das gesamte Abc des Nationalismus, das den Fußball derzeit heimsucht. Denn anders als beim Übergang von der Ribbeck/Völler-Zeit zur Ära Klinsmann/Löw gibt es ja aktuell kein neues Modell fußballerischer Vergesellschaftung, das von einer neuen Trainergeneration verkörpert würde. Wer im Weltfußball Erfolg hat, macht ja etwa das, was Pep Guar­dio­la, Jürgen Klopp, Thomas Tuchel oder eben Jogi Löw machen.

Die Alternative zu Löw sind dumpfe Schreihälse à la Mario Basler, Lothar Matthäus oder Stefan Effenberg, vermutlich muss man auch Uli Hoeneß dazu rechnen. Dass die mit Kampf, Härte und all diesen deutschen Tugenden den Auswahlfußball gegen die Wand fahren würden, ist ziemlich gewiss. Aber, wie sang schon Bob Dylan: „There’s no success like failure. And failure's no success at all.“

.

Jahrgang 1964, Mitarbeiter des taz-Sports schon seit 1989, beschäftigt sich vor allem mit Fußball, Boxen, Sportpolitik, -soziologie und -geschichte

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben