Kolumne Pressschlag

Mit der Copa stirbt nicht nur die Copa

Das Finale von Südamerikas Vereinsfußball findet in Madrid statt. Das ist, als ob in Europa kein Champions-League-Finale stattfinden dürfte.

Fans des Faßballklubs Boca Junior

Müssten zum Endspiel jetzt nach Madrid: argentinische Boca-Junior-Fans Foto: imago/JulietaFerrariox

Nein, die Kanzlerin war gar nicht auf dem Flug zur Copa Libertadores. Aber die Probleme von Angela Merkel, ­Bue­nos Aires zu erreichen, haben auch etwas mit dem Finale im südafrikanischen Vereinsfußball zu tun. Oder mit dem Zustand der Welt, was ja so ziemlich das Gleiche ist.

Die Kanzlerin ist nämlich nur unter Schwierigkeiten in Argentiniens Hauptstadt beim G20-Gipfel angelangt, und das südamerikanische Pendant zur Champions League kann nicht in Buenos Aires stattfinden, obwohl erstmals mit Boca Juniors und River Plate die zwei großen Teams der Stadt gegeneinander an­treten.

Die Copa findet nun in Madrid statt, in einer Woche, am 9. Dezember, so ist jetzt beschlossen worden. Um zu ermessen, was das politisch bedeutet, wäre sogar ein Vergleich mit dem missglückten Flug der Kanzlerin zu kurz gegriffen.

Eine passende Analogie wäre vielmehr, wenn in ganz Europa kein Champions-League- oder Europameisterschafts-Endspiel stattfinden dürfte. Als wäre es unverantwortlich, ein Spiel von Real oder Barca, von ManU oder Bayern woanders als in Rio de Janeiro, in Buenos Aires oder in New York abzuhalten.

München, Mailand, Manchester – Hauptsache, Amerika? Die Realität ist umgekehrt: Argentinien, Brasilien, Chile – Hauptsache, Madrid! Nicht nur der südamerikanische Fußballverband, auch alle beteiligten Klubs, Polizeichefs, Innenministerien bis hin zu den Staatspräsidenten erklären, dass sie es im Grunde nur Madrid zutrauen, binnen wenigen Tagen das Rückspiel nach dem 2:2 im ersten Durchgang organisieren zu können. Ein erster Versuch einer zweiten Partie in der argentinischen Hauptstadt, am 24. November, war misslungen, weil der Mannschaftsbus von Boca ­Juniors auf der Fahrt ins Stadion von River-­Plate-Fans angegriffen worden war.

Extrem ärgerliche Probleme

Die organisatorischen Probleme, die sich nun stellen, muten angesichts der sporthistorischen Dimension sehr klein an: Kann man in so wenigen Tagen ein solches Hochsicherheitsspiel wirklich auf die Beine stellen? Bleiben die für Buenos Aires verkauften Tickets auch in Madrid gültig? Doch nicht nur für betroffene Fans sind das extrem ärgerliche Pro­bleme. Sie machen zudem deutlich, wie sehr die globalen Probleme wirklich jeden Winkel dieser Welt erreichen.

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Jeder Versuch, das als Nebensächlichkeit, die ja „nur“ den Fußball betreffe, kleinzureden, muss scheitern. Der Antrag von Boca Juniors, zum Sieger erklärt zu werden, weil es ja nicht die Schuld des Vereins sei, dass das ursprünglich terminierte Rückspiel nicht stattfand, greift zu kurz. Aber auch die pathetische Anwallung von River-Plate-Präsident Rodolfo D’Onofrio, eine Niederlage bereite zwar große Trauer, „aber das ist nicht das Ende der Welt“, trifft die Bedeutung nicht. D’Onofrio hatte noch ausgeführt: „Es gibt wichtigere Dinge, wie die 30 Prozent Argentinier, die in Armut leben.“

Das klingt beim ersten Hören überzeugend und ist doch nur tumber Populismus. Wie sehr die Welt aus den Fugen gerät, erkennt man gerade daran, dass ein ganzer Kontinent nicht mehr in der Lage zu sein scheint, die Copa Liber­tadores auszurichten. Wie diese globalisierte Ordnung den Alltag verändert, zeigt sich auch darin , dass eine Stadionkarte in Bue­nos Aires plötzlich in Madrid eingelöst werden muss.

Es ist eben nicht „nur Fußball“, was sich rund um die Copa abspielt. Und wie wenig eine Erklärung, die auf südamerikanische Besonderheiten abhebt, taugt, lehrt einen der Blick nach Dortmund, wo auch der Mannschaftsbus auf dem Weg zum Champions-League-Spiel angegriffen wurde. Oder auf das Flugzeug der Kanzlerin. Wer den Fußball rettet, rettet auch die Welt.

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Jahrgang 1964, Mitarbeiter des taz-Sports schon seit 1989, beschäftigt sich vor allem mit Fußball, Boxen, Sportpolitik, -soziologie und -geschichte

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