Kolumne Pressschlag

Kein bisschen Restvernunft

Weil er Schwule zur Hölle wünscht, verliert der Rugby-Star Israel Folau seinen Vertrag. Eine Karriere als Laienprediger dürfte ihm aber sicher sein.

Der Sportler Folau steht auf dem Spielfeld und zeigt mit dem Zeigefinger Richtung Himmel

Immerhin der Herr im Himmel bleibt dem homophoben Sportler noch Foto: ap

Israel Folau ist ein gläubiger Mensch. Der Rugby-Spieler, dessen familiäre Wurzeln auf die Südseeinsel Tonga reichen, ist in einer Mormonen-Gemeinde in Australien aufgewachsen. Später konvertierte er zu einer christlich-fundamentalistischen Gemeinschaft, die sich „Assemblies of God“ nennt, einen baptistischen Einschlag hat und die Bibel zumeist sehr, sehr wörtlich nimmt. Folau besucht in Sydney regelmäßig die Kirche „The Truth of Jesus Christ“. Dort predigt der Rugby-Profi regelmäßig und liest beispielsweise Zitate aus dem Korinther-Brief vor.

Diese Stelle hat es dem 30-Jährigen besonders angetan: „Oder wisst ihr nicht, dass Ungerechte das Reich Gottes nicht erben werden? Irrt euch nicht! Weder Unzüchtige noch Götzendiener noch Ehebrecher noch Lustknaben noch Knabenschänder noch Diebe noch Habsüchtige noch Trunkenbolde noch Lästerer noch Räuber werden das Reich Gottes erben.“

Folau hat durch seine Statements in den sozialen Medien keinen Zweifel daran gelassen, wen er für arme Sünderlein hält, Fieslinge, die alsbald in der Hölle schmoren sollen: nicht nur Lästerer und Götzendiener et cetera, sondern auch Homosexuelle. Dass sie postmortal vom Teufel gegrillt werden sollen, das hat Folau nicht nur einmal gefordert. Die australische Rugby-Liga war wirklich langmütig, aber nach einer erneuten Demonstration seiner Unterweltsichten wurde der Star-Spieler nun suspendiert.

Er verliert einen mit vier Millionen australischen Dollar dotierten Vertrag, seinen Glauben an den einzig wahren Gott verliert er freilich nicht. Er versteht das vermeintliche Ende seiner Sportkarriereals Prüfung Gottes, und er hat klar gemacht, dass er auf dem Weg in sein persönliches Himmelreich nicht bereit ist, Umwege in Kauf zu nehmen, dabei hätte ihm doch seine hinter Psalmen versteckte Restvernunft diktieren müssen, dass er mit seiner Verdammung schwuler und lesbischer Lebensformen eine Grenze überschreitet, eine Grenze moderner Zivilität.

Die Rugby-Liga musste handeln

In einem westlichen Sportbetrieb, in dem Fußballmannschaften Kapitänsbinden in den Farben der LGBTQ-Gemeinde tragen und Botschaften der Antidiskriminierung allerorten zu finden sind, selbst in den Fankurven, da wusste Israel Folau sehr wohl, was ihm blüht. Vielleicht hat er seine Verbannung aus dem Kreis der Leistungssportler bewusst in Kauf genommen, um seiner Gemeinde als Märtyrer zu gefallen, vielleicht konnte er auch nicht anders, weil er sich zu sehr religiös verrannt hat.

Fakt ist jedenfalls, dass die Rugby-Liga keinen Interpretationsspielraum mehr hatte. Sie musste handeln, auch wenn manch einer vielleicht nicht zu Unrecht einwenden wird, dass die Freiheit der Religionsausübung damit eingeschränkt werde. Die Kollision eines christlichen Fundamentalismus mit der sexuellen Freizügigkeit moderner Gesellschaften hinterlässt einen (ehemaligen) Rugby-Spieler, der sich im Würgegriff von Vergangenheit und Gegenwart befindet.

Das Transsexuellengesetz (TSG) existiert seit 1981 im deutschen Recht. Das Kabinett von Helmut Schmidt und der damalige Bundestag reagierten mit dem Gesetz auf ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1978. Die obersten Richter hatten ein Recht auf formale Geschlechtsänderung gefordert, sie begründeten das mit den ersten beiden Artikeln des Grundgesetzes.

Zwanzigmal hat sich das Verfassungsgericht seit 1998 mit dem TSG auseinandergesetzt. Mehrere Passagen wurden für verfassungswidrig erklärt, der Gesetzgeber wurde zur Nachbesserung aufgefordert.

Im Jahr 2008 urteilten die Karlsruher Richter: Transsexuelle Eheleute müssen sich nicht scheiden, um ihren Geschlechtseintrag ändern zu können.

Seit 2011 müssen sich trans* Menschen nicht mehr sterilisieren und ihr Geschlecht operativ angleichen lassen, um den Geschlechtseintrag zu ändern. Auch diesen Passus hatte das Verfassungsgericht bemängelt.

Im Juni 2018 hat zudem die Weltgesundheitsorganisation die Transsexualität als „Störung“ aus der Internationalen Klassifikation der Krankheiten gestrichen.

Dem hätte er entkommen können, wenn er sich fürs Hier und Jetzt entschieden hätte – und nicht für Glaubenssätze, die in grauer Vorzeit zu Papier gebracht wurden. Einer Sache hätte er abschwören müssen; er hat sich für die Sache mit dem Ei entschieden.

Die Prüfung des Glaubens erfordere Ausdauer, ist von Israel Folau jetzt zu hören. Eine Karriere als Laienprediger dürfte ihm sicher sein.

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Seit 1998 mehr oder weniger fest bei der taz. Schreibt über alle Sportarten. Und auch über anderes.

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