Kolumne So nicht

Die Zukunft von Unisex-Klos

Parade der Pappkameraden: Wahlweise sind die kippende Stimmung, die Flüchtlinge und die kulturalistische Linke schuld an rechter Gewalt.

Eine rote, weibliche Karnevalsfigur neigt sich lachend über eine weichende, blaue, männliche.

Verunsichert die Linke hier die Mitte? Pappkameraden unter sich.  Foto: dpa

Ginge ich zum Karneval, würde ich als wegbrechende Mitte gehen. Oder als kippende Stimmung. Oder als allgemeine Verunsicherung. Ich würde darauf hoffen, dass man mich für einen echten Pappkameraden hält und mich auslacht. Und dann würde ich alle bei ihrem persönlichen Hausgott darauf schwören lassen, dass sie diese lächerlichen Kostüme nie mehr aus dem Regal holen, wo die anderen Pappnasen stehen, die mal als Propagandawerkzeuge benutzt wurden und wo sie jetzt verstauben.

Der einzige Ort, an dem diese drei Phrasen nochmal ausgepackt werden könnten, wäre in einer dieser Wie-erklär-ichs-meinem-Kind-Rubriken. Dort könnten die bedrohte Mitte, die kippende Stimmung und die allgemeine Verunsicherung als Storytelling-Elemente zur Definition von Pappkameraden verwendet werden.

Man jage sie wochenlang durch Talkshows und Schlagzeilen und irgendwann fragt sich jeder, ob bei ihm eigentlich auch schon irgendwas umgekippt, verloren gegangen oder verunsichert worden ist. Wo zum Teufel hab ich nur meine Mitte wieder hingelegt? Warum hab ich die ganze Zeit so schlechte Laune? Und ist das Böse nicht immer und überall?

Die Verunsicherung verleitet nun manche dazu, sich einen neuen Pappkameraden zu suchen, der für den ganzen Schlamassel verantwortlich gemacht werden kann. Also den Schlamassel, dass das mit den Rechten und der rechten Gewalt einfach nicht aufhören will. Wenn man nicht wie der Leipziger Polizeipräsident vor den Rechten kapitulieren will und fürchtet, wenn noch mehr Flüchtlinge kommen, „fliegt uns das Land um die Ohren“, dann guckt man sich so um.

Wen haben wir denn da? Ah ja, die Linken! Sehr gut. Lange nicht mehr dran gewesen. Die nehmen wir. Die zünden nämlich Autos an, nur weil wir denen mal die Bude ordentlich aufgeräumt haben. Das sind „Terroristen“ (Berliner Zeitung) und das ist „Gift für die Gesellschaft“ (Berlins Innensenator Frank Henkel).

Alles ist vergiftet!

So sehen das nicht nur Berliner Lokalpolitiker und Lokaljournalisten. So sieht das auch das Hamburger Flaggschiff der Mitte, die ZEIT.

Die konstatiert den Verlust der Mitte und macht für den Zuwachs der Rechten die Linken verantwortlich. Sie nennt sie nicht Terroristen, sondern „kulturalistische Linke“. „Wer da nicht mitmachen will (...) muss heute politisch mindestens bis zur AfD auswandern, um mit seinem Unbehagen kommunikativ wieder anschlussfähig zu werden, denn die Union unter Angela Merkel funktioniert nicht mehr als besonnener Katechon“.

Das reicht aber noch nicht. Die Linken greifen auch unseren Organismus an: „Was heute das Blut regelmäßig zur Wallung bringt, sind samt und sonders Fragen der Weltanschauung, der diskursiven Symbolpolitik, des ideologischen Lifestyles. Straßennamen, Geschlechtskategorien an Klokabinen.“ Hieraus speise sich die „Verfeindungsenergie, die im Moment alles vergiftet.“

Vergiftet. Alles ist vergiftet! Ach ja? Mir ist nicht bekannt, dass Angela Merkel jemals Weihnachten in einer Schwulenbar gefeiert hat. Mir ist auch nicht bekannt, dass der Bürgermeister von Dresden alle öffentliche Toiletten als All-Gender-Toiletten gekennzeichnet hat. Und mir ist auch nicht bekannt, dass Linke Gift ins Grundwasser einspeisen, was das Blut in Wallung bringt.

Bekannt ist mir aber die Argumentation. Und zwar von der AfD. „Wer uns wählt, geht auch in Zukunft noch geschlechtergetrennt aufs Klo“. Wäre ein prima Wahlmotto!

 
9. 2. 2016

seit 2008 Redakteurin der taz, seit 2012 taz.am Wochenende, davor Redakteurin bei „Jungle World“ und „Sport-BZ“

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