Kolumne von Martin Reichert

„I'm Single in the rain, Siiiiiingle in the rain …“ Bild: dapd
Als ob Hannover nicht schon genug Imageprobleme hätte: Nun ist die Stadt an der Leine, berüchtigt sowohl für notorische Durchschnittlichkeit als neuerdings auch für besonders eng gestrickte Verfilzungen, auch noch Deutschlands Single-Hauptstadt.
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„In Niedersachsens Landeshauptstadt lebt bereits jeder Dritte allein“, so ruft es die Nachrichtenagentur AFP in das von Regenmassen überflutete Sommerloch hinein, und schlimmer noch: „2011 lebte in Deutschland jeder Fünfte allein, in zwei Jahrzehnten könnte es schon fast jeder Vierte sein.“
Nun kann man solcherlei statistische „Immer mehr und alles wird immer schlimmer“-Verlautbarungen ja auch auch mal umgedreht verinnerlichen: Auf nach Hannover! Nirgendwo sonst finden sich so viele Menschen, die mit offenen Augen durchs Leben gehen, kontaktfreudig sind und bereit, an einer Öffentlichkeit jenseits der Kleinfamilien-Knastmauern teilzunehmen.

Martin Reichert
ist Redakteur bei der Sonntaz.
Foto: tazVolle Tanzveranstaltungen, Cafés und Fußgängerzonen, immer mehr Menschen genießen ihre Freiheit ohne Verpflichtungen. Hannover, die Metropole der Promisken und Partymacher!
„Das Alleinleben ist ein fester Bestandteil der Lebenswirklichkeit in Deutschland“, sagt der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Roderich Egeler, Familienstand: unbekannt. Das hat ein Hannoveraner mal in ähnlicher Form über den Islam gesagt – und bei beiden Allgemeinplätzen finden sich Menschen, die sich an an solchen schlichten Tatsachen reiben können.
So liest sich das Alleinleben aus konservativ-christlicher Sicht vor allem apokalyptisch. Menschen, die allein leben, weichen von gottgefälligen, althergebrachten Normen ab: Es sind Frauen, die sich erdreisten, eine autonome Existenz zu bestreiten und darob noch sich erlauben, diese ohne Kinder zu denken.
Es sind Männer, die es wagen, den stets unter Verdacht stehenden Status des „Junggesellen“ einfach auf ewig in Anspruch zu nehmen. Dreist und verdächtig? Statistikamt Egeler hat die entsprechenden Zahlen: Alleinlebende beziehen überdurchschnittlich häufig Hartz-IV-Leistungen. Und die Armutsgefährdungsquote der Alleinlebenden sei mit 30 Prozent sogar doppelt so hoch wie im Bevölkerungsdurchschnitt.
Aus dieser Perspektive erscheint Hannover dann natürlich in einem ganz anderen Licht. Rund um den „Kröpke“, einem zentralen Platz in der Innenstadt, lungern Tausende und Abertausende emotional verwahrloste und finanziell Prekäre mit Bierflaschen rum. Singles am Rande des Nervenzusammenbruchs.
Die Lebenswirklichkeit von Hannover und dem Rest des Landes müsste sich jedoch angesichts beider Szenarien irgendwo zwischen den Zahlenkolonnen der Statistiker abspielen. Jeder Single weiß aus der Ich-Empirie an Sonntagnachmittagen, dass die Pärchen eindeutig in der Mehrheit sind.
Kann es nicht einfach sein, dass diese Menschen allesamt in Singlehaushalten wohnen, weil sie ab und zu mal ihre Ruhe haben wollen? Trotz Partnerschaft? Jeder für sich und Gott für uns alle, sagt der Franzose. Und die Deutschen nehmen sich einfach die Freiheit, so zu leben, wie es ihnen passt: in Patchworkfamilien, Fernbeziehungen und Ehen in getrennten Wohnungen.
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Leserkommentare
15.07.2012 23:40 | Bertram in Mainz
Wer gibt schon zu, dass er unglücklich ist? Dieses positive Denken, dieser alberne Optimismus ist wie eine Staatsreligion, ...
13.07.2012 10:17 | Alleinerziehende mit Fernbeziehung
Ein Grund ist unter anderem die "ach so groß geschriebene" Flexibilität, die das Berufsleben einem abverlangt. Ferner möcht ...
13.07.2012 09:12 | Rübezahl
Die meisten Alleinlebenden dürften Frauen über 74 sein. Ob die tatsächlich so promisk sind und dauernd Party machen? Ist ab ...