Über Ball und die Welt

Aufstand des Mittelstandes

Die englische Zweitligamannschaft Oldham Athletic soll in ein neues Stadion ziehen. Ein kleiner Kulturkampf um den „alten“ Fußball ist ausgebrochen.

Nicht mehr gut genug für Oldham: Das alte Stadion Boundary Park.  Bild: imago/colorsport

Boundary Stand war der Name eines Stadions in Oldham. Das gibt es nicht mehr, und Oldham Athletic kickt in der zweiten englischen Liga. Damit es langfristig wieder etwas mit dem Fußball in der Industriestadt nahe Manchester wird, soll ein neues Stadion her.

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Der alte Standort Boundary Park soll verlassen werden und im fünf Kilometer entfernten Failsworth ein neues Stadion entstehen. Hier ist der Baugrund billiger, und wenn der alte Grund verscherbelt wird für neue Wohnhäuser, kann sogar noch Geld erwirtschaftet werden.

Was der hübsche Plan offenbart, hat viel mit dem zu tun, was man „modernen Fußball“ nennt: Man verlässt die Industriestadt . Aber was ist mit den neuen Nachbarn, den gutbürgerlichen Familienvätern? Die will ja jeder modern geführte Verein viel lieber als zahlende Kunden begrüßen als die zu Alkoholkonsum und Arbeitslosigkeit neigende alte Klientel. Auch in Oldham hatte man ins neue Stadion immer Hotel und Fitnesscenter integrieren wollen.

Verslummung und Versteppung

Mag sein, dass die zahlungskräftigen Kleinfamilien eine Jahreskarte für Zweitligafußball erwerben würden. Aber an eines hat man nicht gedacht: Dass das neue Oldham-Stadion auch eine Tribüne haben wird. Die besteht nämlich aus Stahl und Beton und wirft folglich Schatten.

Eine Gruppe von Anwohnern hat herausgefunden, dass das aber ihren Dahlien und Geranien nicht gut bekommt und Permafrost im Winter droht. Das wiederum bedeutet miese Umsätze, Schließung von Geschäften, und die Folgen kann man sich leicht ausmalen: Verslummung, Versteppung, vielleicht nicht mal mehr Zweitligafußball.

„Wir sind sehr vehement gegen das Projekt“, sagt Peter Batty von der Anwohnerinitiative, „und wir glauben, dass das Stadion großen Einfluss auf das Leben der Menschen haben wird.“ Außerdem gebe es einen Interessenkonflikt mit einem Naturschutzprojekt ganz in der Nähe. Und, so beklagt ein Oldham-Supporter, der als „Progressor“ zeichnet, in einem Leserbrief, falls die Tribüne mit viel Glas gebaut würde, dann würden Radiowellen in die Stratosphäre reflektiert werden. „So kommen dann wohl Daleks“, schreibt Progressor; das sind Außerirdische aus der Fernsehserie „Doctor Who“.

Das Stadion als Raumschiff

Progressor übertreibt. Die umworbene neue Klientel, die sich so bockig anstellt, ist bekanntlich nicht nur besitz-, sondern auch bildungsnah, und hat mit dem Glauben an Außerirdische gerade mal so viel zu tun, dass sie ihren Kindern das Gucken solcher Serien verbietet.

Aber das ganze Bild, das hier bemüht wird, die Landung von Wesen, die in die vorgefundene Zivilisation so rein gar nicht reinpassen, das stimmt schon: Es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich ein Fußballstadion als Raumschiff vorzustellen, und sogar mit noch weniger Kreativität kann man herausfinden, dass die Menschen, die ein Stadion mit Leben füllen, also Fußballkultur tragen, nicht die sind, die sich als zahlende Kunden verstehen, sondern die kurz zum Shoppen gehen, wenn das Spiel gerade nicht so spannend ist, die mit ihren Kindern nach Hause gehen, wenn es zu nieseln anfängt, und denen das Rufen von Verbalinjurien grundsätzlich zuwider ist.

Was Oldham gerade erlebt, ist, was der gesamte Fußball durchgemacht hat, vor allem die Vereine in Oldhams Nachbarschaft, Manchester City und United: der Austausch der alten Fanklientel. Diejenigen, die mit Bierbecher, Bratwurst und Gesang so etwas wie eine proletarische Öffentlichkeit bilden, bleiben weg, weil es zu teuer wird und das Drumherum für sie unattraktiv ist. Doch die anderen, die Geld haben, aber den als austauschbaren Dienstleister ansehen, werden umworben.

So geht es also in Oldham zu wie in der gesamten alten Fußballwelt: Das alte Stadion ist abgerissen, die alten Fans sind weggeschickt, der alte Fußball erscheint wie eine fremde Zivilisation. Und der moderne Fußball? Der hat niemand, der ihn wirklich liebt.

 
11. 10. 2012
Martin Krauss

ist freier Autor der taz, mehr Infos auf martinkrauss.de.

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