Kommentar von Deniz Yücel
Puh! Wir sind weiter! Und wir freuen uns, klar, dürfen wir auch, ein bisschen jedenfalls und nicht übertrieben! Aber wer denkt jetzt an die vielen tollen Teams, für die die WM schon nach drei Spielen vorbei ist? Für Südafrika gibt's Mitleid, vielleicht auch für die anderen afrikanischen Teams (außer für Algerien, die sind wohl nicht „afrikanisch„ genug). Und für Frankreich und Italien gibt's Hohn und Spott („Adieu les Bleus“, „Ciao Italia“). Der Rest? Schon vergessen!
Ist Ihnen dieser Artikel etwas wert?
Dabei haben sich auch die Griechen monatelang auf das Ereignis vorbereitet. Auch die Serben waren stolz, ihr Land zu vertreten. Auch die Australier hatten sich auf die WM gefreut. Selbst die Nordkoreaner hatten sicher das Gefühl: Sie gehören dazu.
Aber der erbarmungslose Betrieb, die perfekt geölte Fifa-WM-Fußball-Business-Maschine lässt solche Gedanken nicht zu, will sie nicht zulassen. Es zählt nur das „Weiter-Immer-Weiter“ (Oliver Kahn, jetzt 41). Und diese neoliberale Auslese geht ja wirklich gnadenlos weiter: In sozial-darwinistisch-patriarchaler Manier müssen nun immer mehr MANNschaften heim, bis zuletzt nur noch einer übrig ist – der „Beste“, der „Stärkste“, der „WeltMEISTER“.

Deniz Yücel ist Redakteur im WM-Team der taz.
Foto: tazDie Vermarktung der Spiele, das Sponsoring (multinationale Konzern wie der US-Zuckerbrause-Hersteller Coca-Cola!), die unverhohlene Rede vom „Marktwert der Spieler“, das SpielSYSTEM – ganz klar: Die WM ist kein fröhliches Fest des Sports, des Friedens und der Völkerverständigung. Die WM ist eine kapitalistisch-neoliberale Veranstaltung (mit schlimmer Klima-Bilanz, über die die HERREN von der Fifa geflissentlich schweigen)!
Wäre es nicht viel schöner, die besten Spieler (und SpielerInnen!) der Welt um des Spielens willen spielen zu lassen, um am Ende allen den Pokal zu geben? Ohne diesen permanenten Leistungszwang müsste auch keiner mehr lügen wie der Brasilianer Luis Fabiano (29), keiner mehr schlagen wie der Spanier David Villa (28) – und müsste keiner Morddrohungen fürchten wie der Nigerianer Sani Kaita (24). Überhaupt, es gebe keine GEGENspieler mehr, sondern nur MITspieler. Und keinen übertriebenen Nationalismus: Dass ein guter Fußball blühe wie ein anderes gute (Fußball-)Land!
Akademische Zyniker werden sagen: „Es gibt keinen richtigen Fußball im Falschen.“ Aber: Yes, we can! Eine andere Welt ist möglich - und eine andere WELTmeisterschaft ist auch möglich! Wir müssen nur den Mut zum Träumen haben - und zum Friedlich-Dafür-Streiten!
Die Grünen halten sich für die Mitmach-Partei schlechthin. Dabei soll die Basis nur entscheiden, was Spitzengrüne ohnehin für richtig halten. von Ulrich Schulte

Für seine Kolumnen-Reihe "Vuvuzela", die er anlässlich der Fußball-WM 2010 auf taz.de schrieb, ist der taz-Autor DENIZ YÜCEL geehrt worden. Am 23. Oktober erhält er den mit 3.000 Euro dotierten Kurt-Tucholsky-Preis 2011. Die Jury betonte: "Dabei übersteigerte er bewusst das nationalistische Element, riskierte lustige Wortspiele sowie einen überdeutlichen Stimmungsumschwung nach der deutschen Niederlage (‚Gurkentruppe‘).! Dabei habe er sich Tucholskys Maxime zu eigen gemacht: Die Satire muss übertreiben. Gratulation!
David Beckham beendet seine Fußballer-Karriere. Wird er jetzt etwa Vollzeitpapa, Model oder Frührentner? Ach, uns fallen da noch ein paar andere Sachen ein...

Ein echt fieser Augapfel, ein Harley-Davidson-Skelett, Buddha hat Geburtstag und jede Menge Quallen. Unsere Bilder der Woche.

14 Jahre war Thomas Schaaf Trainer bei Werder Bremen – genug Zeit, seinen trockenen Humor in vielen Interviewantworten unter Beweis zu stellen.

Am Samstag ist es wieder so weit: Im schwedischen Malmö kämpfen 39 Länder um den ersten Platz beim ESC. Wir wissen, auf welche Teilnehmer Sie besonders achten können.

Leserkommentare
26.06.2010 20:36 | joe conte
wer ist dieser Deniz? war wieder was mit der Quote oder hat eine Casting show hinter sich? Recht interaktuell schaut er aus ...
26.06.2010 19:24 | susi
Danke, Deniz, dein Traum ist realisierbar (das Bundesland Bremen hat ihn bildungspolitisch bereits umgesetzt): ...
26.06.2010 15:02 | Jenna
Vuvuzela 14 als Gutmensch-Kolumne... Was für eine Antwort!