Kommentar von Steffen Grimberg
Der Rücktritt von BBC-Director General George Entwistle nach gerade einmal 54 Tagen im Job war alternativlos. Dabei hatte der Mann sich wirklich Mühe gegeben. Doch während er vor Untersuchungsausschüssen tapfer Rede und Antwort über den Pädophilie-Skandal um den verstorbenen BBC-Starmoderator Jimmy Savile stand, verlor er den Überblick über das eigene Programm.
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Die „Newsnight“-Sendung vor einer Woche, die mäßig verschleiert einem ehemaligen konservativen Politiker vorwarf, ebenfalls Kinder misshandelt zu haben, sah sich der BBC-Boss erst nach der TV-Ausstrahlung an – obwohl ihm die Brisanz des Themas klar sein musste.
Einen Artikel, der schon am vergangenen Freitag die „Newsnight“-Panne enthüllte, hatte Entwistle erst gar nicht gelesen – angeblich aus Zeitmangel. Der oberste Chef eines Senders, dem genügend Personal für ein effektives Frühwarnsystem zur Verfügung steht, kann sich so viel Ignoranz nicht leisten.

Steffen Grimberg
ist freier Autor und war viele Jahre Medienredakteur der taz.
Foto: tazBBC-Gegner – allen voran Rupert Murdoch – (t)wittern prompt mal wieder Morgenluft. Sie freuen sich zu früh. Denn so blamabel die „Newsnight“-Panne ist, im Kern ist die BBC journalistisch stark und robust. Und geht mit sich selbst hart ins Gericht, Abschuss des eigenen Bosses inklusive: Das Interview, dass Entwistles Ahnungslosigkeit offenbarte und seinen Abgang zumindest stark beschleunigte, lief live im BBC-Radio.
Die BBC kann sich aber damit trösten, dass auch die Zeitungen derzeit massiv unter Druck stehen. Über ihr Schicksal entscheidet die Leveson-Inquiry, die noch im Herbst ihren Bericht zum Telefon-Hacking-Skandal vorlegen und Vorschläge zur künftigen Presseregulierung machen will. Im Mutterland des Journalismus werden die Karten neu gemischt.
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