Kommentar Fluglinie Alitalia

Pleite mit Symbolgehalt

Alitalia am Abgrund: Die Firma steht beispielhaft für die Politik in einem Land, das sich seit mehr als 20 Jahren von einer Krise zur nächsten schleppt.

Streikende Alitalia-Mitarbeiter am 5. April auf dem Gelände des Flughafens in Rom

Streik von Mitarbeitern der Alitalia am 5. April in Rom Foto: reuters

Wieder einmal steht Italiens Fluglinie Alitalia am Abgrund. Und wieder einmal stellt sich die Frage: Wäre der Absturz wirklich so bitter? Erst der Staat, dann private Investoren haben in den letzten Jahren zig Milliarden Euro in Alitalia versenkt – mit dem einzigen Resultat, dass die Gesellschaft immer kleiner, immer unwichtiger wurde und dass sie heute nur noch ein Anhängsel der Golfgesellschaft Etihad ist.

Gewiss, bitter wäre die Abwicklung für die verbleibenden über 12.000 Beschäftigten – aber auch nur für sie. Und doch wäre das Verschwinden der Fluglinie Alitalia eine weitere Niederlage für Italien: eine Niederlage von tiefer Symbolik.

Denn die Krise der Fluggesellschaft schleppt sich nunmehr seit Jahrzehnten dahin, ohne dass die politischen und ökonomischen Eliten des Landes je ein Rezept gefunden hätten.

Damit steht Alitalia für die gesamte strategische Ausrichtung eines Landes, das einmal ganz vorne mitspielte, das seit mehr als 20 Jahren aber Position um Position einbüßt – ein Niedergang, der sich im Verlust der großen Namen abbildet. Olivetti? Eine ferne Erinnerung. Fiat? Mit Chrysler zur FCA fusioniert und mit den Firmensitzen ebenso wie mit einem Gutteil der Produktionsstätten ins Ausland abgewandert. Die Banken? Von der erdrückenden Last fauler Kredite geplagt und zunehmend unfähig, der heimischen Wirtschaft die nötigen Kredite bereitzustellen.

Die italienische Krisen-Airline Alitalia steht vor der Pleite. In einem Referendum stimmte eine große Mehrheit der Mitarbeiter gegen einen mit der Regierung und Gewerkschaften ausgehandelten Rettungsplan der ehemaligen Staatsairline. Italiens Regierungschef Paolo Gentiloni hatte gewarnt, falls der Plan scheitere, könne Alitalia nicht überleben. Das Unternehmen mit rund 12.500 Mitarbeitern steckt seit mehr als 20 Jahren in der Krise. Die Mitarbeiter wollten den drastischen Sparmaßnahmen aber nicht zustimmen. (dpa)

Je länger diese tiefe Krise sich hinzog, desto vollmundiger gaben sich die römischen Regierungen. Erst versprach Silvio Berlusconi ein „neues italienisches Wunder“, dann machte es ihm Matteo Renzi nach und verhieß den Aufbruch in eine goldene Zukunft.

Konzepte, um das Land, um seine großen Unternehmen neu aufzustellen, boten sie jedoch nicht. „Phoenix“ hieß im Jahr 2008 Berlusconis Rettungsplan für Alitalia, der gut 7 Mil­liarden Euro Steuergeld kostete. Doch geblieben ist nur die Asche.

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Promovierter Politologe, 1985-1995 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an den Unis Duisburg und Essen, seit 1996 als Journalist in Rom, seit 2000 taz-Korrespondent, daneben tätig für deutsche Rundfunkanstalten, das italienische Wochenmagazin „Internazionale“ und als Wissenschaftlicher Mitarbeiter für das Büro Rom der Friedrich-Ebert-Stiftung.

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