piwik no script img

Kommentar Hambacher Forst Mythische Orte

Martin Kaul

Kommentar von

Martin Kaul

Ein paar Bäume im Nichts? Spätestens seit dieser Woche gehört der Hambacher Forst endgültig auf die Landkarte der sozialen Bewegungen.

E s gibt Gegenden, die liegen irgendwo im Nichts und entfalten doch ihre Bedeutung. Heiligendamm war so, wegen der G8-Proteste 2007, und auch das Wendland, Castor-Blockaden, immer wieder.

Und nun gibt es etwas Neues, einen Ort, der spätestens seit dieser Woche einen festen Platz auf der Landkarte der sozialen Bewegungen verdient hat: Der Hambacher Forst. Klimaaktivisten aus ganz Deutschland stellten unter Beweis, dass da viel mehr ist als ein Wäldchen am Horizont des Ruhrgebiets.

Eine besetzte Parteizentrale in Düsseldorf, ein gestürmtes Kundencenter in Düren, zu Bruch gegangene Sparkassenscheiben, eine Gleisblockade auf der Kohlebahn und ein neuer, öffentlicher Gemüsegarten für die Nachbarschaft – das ist die Bilanz eines im Ländlichen organisierten Protests, der auch aus den Städten großen Zulauf erhält.

Bereits im letzten Jahr hielten AktivistInnen über Monate kleinere Teile des Waldes besetzt, einer verbrarrikadierte sich tagelang in einer selbstgebauten Höhle. Die Botschaft: Energiewende ist Handarbeit. Darum geht es im Hambacher Forst. Ein Energieriese, RWE, holzt dort Bäume ab, um weiter buddeln und brutzeln zu können.

Während Parteipolitiker über Nachkommastellen in den Sollplänen zur Energiewende beraten, zeigt eine große, junge, auch radikale Generation überraschend, dass Braunkohleabbau ein Thema ist, das zieht. Dass es dabei nicht um Flausch und Freundlichkeiten geht, belegen auch die harten Reaktionen der Polizei. So ist im Rheinischen Braunkohlerevier inzwischen etwas entstanden, das bleiben wird. Protestforscher, übernehmen Sie.

Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

Martin Kaul

Martin Kaul Reporter

Mehr zum Thema

1 Kommentar

 / 
  • FO
    Förster ohne Arbeit

    Da ist in der Tat viel mehr als ein Wäldchen. 55 Quadratkilometer groß war er mal, der Hambacher Forst. Bis die Braunkohlebagger kamen. Wo früher Wald war, gähnt heute der Hambacher Tagebau. Der immer noch 10 Quadratkilometer große Restwald liegt im Südosten des größten Lochs Europas:

     

    http://goo.gl/maps/T1oDK