Kommentar Krawalle von Clausnitz

Ein Ozean der niederen Instinkte

Es ist alles wie immer in Sachsen. Hass, Rassismus und eine „überforderte“ Polizei. Das kann doch nicht ewig so weitergehen.

Silhouette einer Person, die den Stinkefinger zeigt

Wer sich angesprochen fühlt...  Foto: jock+scott / photocase.de

Der Job war nicht so schwer: Flüchtlinge aus einem Bus in ihre Unterkunft verbringen. Stolz verkündet der für den Einsatz im sächsischen Clausnitz zuständige Polizeichef, dass bei dem Vorgang niemand verletzt worden sei.

Man soll wohl gratulieren, dass mitten in Deutschland Menschen ein Gebäude zwar nicht gefahrlos, aber immerhin ohne Blutvergießen beziehen können. Als wenn das nicht schon absurd genug wäre, wird angemerkt, die Flüchtlinge hätten selber zur Eskalation beigetragen, indem sie aus dem Bus heraus die Protestierenden mit Gesten provoziert hätten.

Da geht man also ganz unschuldig seinem Recht auf öffentlichen Hass nach, beschimpft und bedroht zur Feierabendgaudi Ausländer und was tun die? Machen Gesten, obszöne gar. Stinkefinger sollen gezeigt worden sein. Das verletzt die Regeln des zivilisierten demokratischen Diskurses, wie er auf Sachsens Straßen nun einmal üblich ist, auf das Schwerste. Die Polizei hat selbstverständlich Anzeigen wegen Beleidigung aufgenommen.

Was soll man dazu noch sagen? Ein weiteres gottverlassenes Städtchen auf der Karte der Unmenschlichkeit. Bewohnt von vernagelten Gemütern, die vermutlich noch stolz auf ihre widerwärtige Schamlosigkeit sind, mit der sie ihrem Hass auf alles Fremde freien Lauf lassen. Eine Polizei, die Probleme auch am liebsten bei diesen Fremden sucht.

Volk? Stinkefinger!

„Wir sind das Volk“ rufen also die einheimischen Gartenzwerge, Frühstücksfaschisten und schlecht integrierten Wendeverlierer um den andern unmissverständlich zu bedeuten, dass sie nicht dazu gehören. Als wenn irgendjemand zu ihnen gehören wollen würde. Der Stinkefinger ist doch die einzig angemessene Antwort: „Verstanden, ihr seid das Volk. Könnt ihr auch gerne bleiben.“

Die Frage ist nur: Was macht man mit so einem Volk, dass in all seiner Hässlichkeit den Blick auf die schöne Landschaft verstellt? Für eine friedliche Umsiedlung sind es schließlich zu viele. Da bleibt wohl nur die geduldige Stärkung der Zivilgesellschaft und alternativer Strukturen und eine Neuaufstellung der Polizei, inklusive Antirassismusschulung. Zum Beispiel.

Man möchte ja in dieser Richtung keinen ungebührlichen Druck auf die sächsische Landesregierung ausüben, aber es muss doch auch bei denen langsam angekommen sein, dass in diesem deutschen Ozean der niederen Instinkte der Marianengraben irgendwo zwischen Dresden und Zwickau verläuft. Und zwar nicht erst seit vorgestern.

 
20. 2. 2016

Jahrgang 1976, tätig für die tageszeitung seit 2006, Redakteur und CvD bei taz.de seit 2012. Errungenschaften: 2. Platz im Sackhüpfen (bis 8 Jahre) des Ferienlagers Großräschen (1983), Wiedervereinigung (1990), Literaturstipendium des Landes Sachsen-Anhalt (2004), Triglav (2011/15). Public Key.

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