Kommentar Leistungen Grundschüler

Leistung lohnt sich nicht

Wir sind nicht zu sehr Mittelmaß, sondern noch zu wenig Mindestmaß: Nicht die Spitzengruppe der Schüler verdient Aufmerksamkeit, sondern die Risikoschüler.

Bei einer Bewertung der deutschen Schüler empfiehlt sich: genauer hingucken! Bild: Thomas K. / photocase.com

Es ist nicht alles schlecht an deutschen Grundschulen. Die Schülerinnen und Schüler lesen viel, sie lesen mehr als früher, und sie tun das mindestens so gut wie ihre Altersgenossen aus vergleichbaren Ländern.

Auch in Mathematik und in den Naturwissenschaften können sie mithalten; Migranten holen auf, Jungen und Mädchen nähern sich in ihren Leistungen an – mehr als zehn Jahre nach dem großen Pisa-Schock ist das Balsam für die Seele der Schulpolitiker. Und von dem gönnen sie sich reichlich. Zu reichlich allerdings.

Denn das deutsche Schulsystem ist weiterhin keines, das durch Gerechtigkeit glänzt. Bei allen Erfolgen, die die neuesten Grundschulstudien Deutschland bescheinigen, bei allem Lob für Sprachförderung und Ganztagsbetreuung: Richtig problematisch wird es nach der Klasse vier, wenn der Wechsel auf eine weiterführende Schule ansteht.

Denn auch das ist ein Ergebnis der Studie: Das Akademikerkind hat eine weitaus größere Chance, von seinem Lehrer für das Gymnasium empfohlen zu werden, als der Sprössling eines Facharbeiters – und das bei gleichen Leistungen. Dieser Vorsprung hat sich im Laufe der Zeit nicht nur nicht verringert, er ist sogar eher größer geworden.

ist Bildungsredakteur im Inlandsressort der taz.

Den Grundschullehrern mag man dafür nicht einmal einen Vorwurf machen: Sie beziehen in ihre Überlegungen mit ein, dass die Gymnasien sich oft viel zu schlecht um die Aufsteiger kümmern– und nicht alle Eltern sich Nachhilfe leisten können. Selbst aus guten Grundschülern können unter diesen Bedingungen oft keine guten Gymnasiasten werden. Leistung lohnt sich eben für die einen weniger als für die anderen.

Umso befremdlicher ist daher, dass die Bildungsminister plötzlich eine ganz neue Problemgruppe ausmachen: die der Spitzenschüler. Die Top-Leser am Ende der Grundschulzeit sind im internationalen Vergleich in der Tat eher rar gesät. Das kann man schade finden – übermäßig sorgen muss man sich deshalb nicht.

Wir sind nicht zu sehr Mittelmaß, sondern immer noch zu wenig Mindestmaß: Das Problem ist der kaum kleiner werdende Sockel derer, die Texte nur mühsam entziffern und den Inhalt kaum wiedergeben können – der verdient die ganze Aufmerksamkeit, erst dann die Spitzengruppe. Aber es ist eben bequemer, aus guten Schülern noch bessere zu machen als aus Risikoschülern solche, die nicht scheitern.

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Jahrgang 1984, hat VWL, Politik und Soziologie studiert und die Kölner Journalistenschule besucht. Seit 2012 bei der taz im Inlandsressort und dort zuständig für Schul- und Hochschulthemen.

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