Kommentar Marx zu Söders Kreuz-Pflicht

Das Kreuz in der Kirche lassen!

Harte Worte des Obersten Deutschen Hirten – aber Marx spricht sie völlig zu Recht aus. Wenigstens die Kirchen wahren die Distanz zum Staat.

Ein älterer Mann in einem kirchlichen Gewand spricht in ein Mikrofon und gestikuliert

Hat völlig Recht: Kardinal Reinhard Marx Foto: dpa

Gott sei Dank, möchte man meinen. Wenigstens die Kirchen bewahren in der unseligen Kreuz-Debatte die gesunde Distanz zum (bayerischen) Staat, die dieser so schmerzlich vermissen lässt. Während Bayerns oberster Kulturbeauftragter Markus Söder das Kreuz für seinen anstehenden Wahlkampf gegen die selbsternannten Christen der AfD instrumentalisiert (Sieh her, Wahlvolk, wir sind die abendländischste Partei Bayerns!) – wehren sich die Kirchen entschieden gegen Söders, na ja, Kreuz-Zug. Gut so!

Vor allem die Katholische Kirche gibt sich empört. „Wenn das Kreuz nur als kulturelles Symbol gesehen wird, hat man es nicht verstanden“, polterte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Marx, am Montag in der Süddeutschen Zeitung. Marx spricht von staatlicher Enteignung und warnt vor Spaltung, Unruhe, Gegeneinander. Harte Worte des Obersten Deutschen Hirten (vor allem wenn man die Privilegien der Katholischen Kirche in Bayern bedenkt); aber Marx spricht sie völlig zu Recht aus.

Denn in der Art, in der Söder vergangene Woche das Christuszeichen an die Wand der Staatskanzlei genagelt hat, war es ein demonstrativer staatlicher Ausschluss – von Muslimen, Atheisten, Muslimen, Juden, Muslimen, Drusen, Muslimen, Kurden und, ach ja, von Muslimen. In Zeiten, in denen Islamfeindlichkeit (2017: 950 Straftaten) und Judenhass (1.453 Straftaten) so schamlos daherkommen wie heute, ist Söders Kulturhaberei nicht nur unbedacht, sondern nahezu fahrlässig. Le roi, c'est les christians! Äh, nein!

Die Marx'sche Rüge hat sich Markus Söder also völlig zurecht zuzuschreiben. Bleibt zu hoffen, dass sich die „prägende Wirkung“ (Söder) der Kreuzdebatte auch bei den Bayerinnen und Bayern einstellt. Und sie einschreiten, wenn sie mitbekommen, dass jemand aufgrund seines Glaubens, seines Aussehens oder warum auch immer ausgeschlossen und diskriminiert werden. Ach ja, und der CSU ist zu wünschen, dass ihre billige Masche auch eine prägende Wirkung bei den Landtagswahlen im Herbst erfährt. Dann wird aus dem geliebten Kreuz dann plötzlich ein ungeliebtes Kreuzchen.

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Seit 2013 für die taz tätig, derzeit als Bildungsredakteur sowie Redakteur im Ressort taz.eins. Andere Themen: Lateinamerika, Integration, Populismus.

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