Kommentar Minarettbau : Die Moschee im Dorf lassen
Der Islam wird in Europa auch architektonisch immer sichtbarer. Doch in Deutschland sind antimuslimische Positionen bislang nicht mehrheitsfähig geworden.
Immer diese Muslime. Müssen die jetzt überall ihre Moscheen bauen? Und müssen die immer gleich ein Minarett haben? Das fragen sich viele Bürgerinnen und Bürger, wenn auch in ihrer Stadt oder an ihrem Ort ein solches Bauprojekt für Streit und Unruhe sorgt.
Der Islam wird in Europa auch architektonisch immer sichtbarer. Das verunsichert nicht nur Konservative, die um die Zukunft des christlichen Abendlands fürchten, sondern auch säkulare Linke und Liberale, ja sogar areligiöse Migranten. Doch die neuen Moscheen, die seit ein paar Jahren allerorten in Deutschland entstehen, sind kein Zeichen einer Art "islamischen Landnahme". Denn Muslime leben schon lange in diesem Land, ein Teil von ihnen war schon immer religiös. Erst in den letzten Dekaden aber haben sich viele entschieden, in Deutschland Wurzeln zu schlagen, und überdies einen gewissen Wohlstand erwirtschaftet. Diese muslimischen Mittelständler engagieren sich nun für repräsentative Gotteshäuser an ihrem Ort.
Die Bürgermeister ihrer Städte oder Gemeinden stürzen sie damit in ein Dilemma. Einerseits begrüßen die es ja, wenn die örtlichen Muslime aus ihren Hinterhofgebetsräumen herauskommen und sich sichtbar in die Gesellschaft integrieren. Andererseits löst genau das bei einer alteingesessenen Bevölkerung Ängste aus, die von rechten Populisten genährt und ausgenutzt werden. Mit sogenannten Bürgerbewegungen machen sie gegen geplante muslimische Sakralbauten mobil und zetteln, wie jetzt etwa in Völklingen an der Saar, auf lokaler Ebene regelrechte Kulturkämpfe an.
Die meisten deutschen Bürgermeister - wie die meisten deutschen Politiker überhaupt - haben sich in diesen Konflikten bislang sehr verantwortungsbewusst gezeigt. Trotz Druck an der Basis, wo viele Wähler rein gar nicht von Moscheen in der Nachbarschaft begeistert sind, und obwohl manche Zeitungen regelrechte Anti-Islam-Kampagnen fahren, grenzt sich selbst die CDU bislang vom rechten Rand ab. Auch in der Union hält man sich an Wolfgang Schäubles Devise, der als Innenminister erklärte, der Islam sei "ein Teil Deutschlands".
Anders als in der Schweiz, Frankreich, Österreich oder den Niederlanden sind antimuslimische Positionen deshalb hierzulande bislang nicht mehrheitsfähig geworden. Solange das so bleibt, muss man sich um den sozialen Frieden in Deutschland keine Sorgen machen.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
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