Kommentar Neonazi-Gewalt in den USA

Es wird einsam um Trump

Der US-Präsident kann hart und scharf verurteilen – aber gerade bei der Neonazi-Gewalt aus dem Inneren der USA tat er sich schwer. Das wird Folgen haben.

US-Präsident Donald Trump steht mit gesenktem Kopf auf der Andrews Air Force Base

Niemand mehr da Foto: dpa

Mehr als zwei Tage nach der tödlichen Gewalttat von Charlottesville hat Donald Trump endlich einen Teleprompter gefunden, von dem er ablesen konnte, dass Nazis, der Ku-Klux-Klan und Rassismus böse sind.

Auf eine solche Erklärung hatten am Samstag, direkt nach der Tat, viele in den USA vergeblich gewartet. Eine solche Erklärung hätte der Tradition entsprochen, wäre präsidial gewesen, hätte den Schmerz und die Angst lindern und das Land möglicherweise ein wenig zusammenführen können. Doch am Montag kam sie viel zu spät, ging nicht annähernd weit genug und beeindruckte allenfalls dadurch, wie leidenschaftslos und unüberzeugend Trump sie vortrug.

Trump kann hart und scharf verurteilen. Das hat er unter anderem gegenüber Mexikanern – „Kriminelle und Vergewaltiger“ –, Journalisten – „Feinde“ – und Muslimen – „Sie hassen uns“ – bewiesen. Und es gehört nicht viel Fantasie dazu, sich auszumalen, wie er reagiert hätte, wenn der Täter von Charlottesville ein Ausländer gewesen wäre. Doch angesichts von Neonazi-Gewalt aus dem Inneren der USA tat er sich schwer, Ross und Reiter auch nur zu benennen, geschweige denn zu verurteilen. Als wollte er es nicht riskieren, die Unterstützung der radikal Rechten zu verlieren.

Der Präsident musste gedrängt werden. Erst nachdem an mehr als 800 Orten der USA Demonstrationen gegen rechte Gewalt stattgefunden hatten, nachdem die öffentlichen Debatte hitziger wurde, nachdem seine Tochter Ivanka, Sprecher der Republikanischen Partei und einige der einflussreichsten Industriebosse die Gewalt klar verurteilt hatten und nachdem Nazi-Gruppen seine Zurückhaltung als Unterstützung gefeiert hatten, erst dann lenkte Trump ein.

Aber er tat das am Montag vor dem Teleprompter so widerwillig, dass es ihm nicht einmal gelang, in seinem eigenen Lager zu überzeugen. Noch am selben Tag traten drei einflussreiche Industriebosse – die Chefs des Pharmakonzerns Merck, des Sportausstatters Under Armor und des weltweit größten Computerchipherstellers Intel – von ihrer Beratertätigkeit für den US-Präsidenten zurück. Weitere Industriebosse, die bei Trump Toleranz, Diversität und „amerikanische Werte“ vermissen, überlegen, ihnen zu folgen.

Schon zuvor waren drei andere Industriebosse unter Protest gegen Trumps Immigrations- und Klimapolitik gegangen. Die neuen Rücktritte wegen seiner verspäteten und unzureichenden Verurteilung der rassistischen Gewalt lassen die Einsamkeit um Trump noch größer werden. Zudem machten sie den Montag zu einem der misslungensten Tage seiner an Misslingen reichen Zeit im Weißen Haus.

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Seit Januar 2017 haben die Vereinigten Staaten einen neuen Präsidenten: Donald Trump. Wie der Republikaner das Land verändert.

Kommt aus Köln. Ihre früheren journalistischen Stationen waren Mexiko-Stadt, Berlin und Paris. Seit 2010 ist sie taz-Korrespondentin in den USA. Sie lebt in New York.

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