Kommentar Neues US-Meeresschutzgebiet

Ein Ruheraum in der Hölle

Das riesige Schutzgebiet um Hawaii ist eine großartige Errungenschaft. Aber der Weg zur Genesung für die geschundenen Ozeane ist weit.

Ausgeblichene Korallen auf dem Meeresboden

Wachsen in der Hölle: ausgeblichene Korallen im Papahanaumokuakea-Schutzgebiet Foto: dpa

Über die Intelligenz von Kugelfischen wird wenig geforscht, meist werden die Tiere gegessen. Aber mal angenommen, ein außergewöhnliches, der Ironie mächtiges Exemplar dieser Spezies würde kommentieren, was US-Präsident Barack Obama jetzt beschlossen hat – der Schutz des Papahanaumokuakea-Meeresgebietes, viermal so groß wie Deutschland rund um Hawaii – vermutlich würde der Kugelfisch schreiben: Satan richtet Ruheraum in der Hölle ein. Denn mehr ist es kaum für die geschundenen Ozeane.

Im Umgang des Menschen mit den Meeren wird die ganze Ambivalenz unserer Existenz sichtbar. Die Ehrfurcht vor dem dunklen Blau der Tiefe, die Sehnsucht nach der Stille, dieser Horizont am Strand, der einen sonst wo hinträgt, das scheint in uns verankert – und trotzdem: Wir versauern die Meere, die Korallen sterben, scheinbar unendliche Fischgründe gehen zur Neige und, ja, die Erdgeschichte kennt Episoden, in denen die gewaltigen Ozeane kippten und starben. Ob der Mensch das schafft, kann keiner sagen, aber er gibt sich alle Mühe.

Vor dem Hintergrund darf das, was Obama jetzt getan hat, nur der Anfang sein. Und nein, es ist nicht heuchlerisch, dass ein Industriestaat wie die USA auf der einen Seite Rohstoffe ohne Ende verbrennt und ausbeutet und zum Ausgleich ein Schutzgebiete ausweist. Umweltpolitik ist zähes, realpolitisches Ringen mit Wirtschaft, Industrie und uns und unserem Wohlstand, den wir nicht opfern wollen. In diesem Ringen ist das Schutzgebiet um Hawaii eine großartige Errungenschaft, eine gute Nachricht.

Aber der Weg ist noch weit: Um der Überfischung Herr zu werden, müssen sich Politiker mit einer viel härteren Lobby anlegen als ein paar lokalen Fischereiverbänden auf Hawaii. Die riesigen Fangflotten der EU und anderer Staaten sind es, die durch echte, den Globus umspannende Meeresschutzgebiete eingedämmt werden müssen.

Die Industrie, die Milliarden in die Entwicklung von Maschinen steckt, die bald den Meeresboden nach Rohstoffen umpflügen sollen, ohne Rücksicht auf kaum erforschte Ökosysteme, muss reguliert werden. Ölkonzerne mit ihren Offshore-Bohranlagen sind die mächtigen Opponenten des Schutzes der Meere, die das Leben seiner Bewohner zur Hölle machen. Über die Intelligenz der Menschen, der damit seine eigene Lebensgrundlage zerstört, ist übrigens auch wenig bekannt.

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Schreibt seit 2008 für die taz. Beschäftigt sich mit der Frage, ob Kapitalismus auch öko kann. War Korrespondent in Baden-Württemberg, gründete erfolglos ein Magazin und besuchte eine Journalistenschule. Ist außerdem Elektroingenieur.

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