Steinbrück ist die teutonische Ausgabe Beppe Grillos

Unser Beppe

Kommentar von Stefan Reinecke

Teutonischer Clown.  Bild:  dpa

BERLIN taz | Peer Steinbrück hat Silvio Berlusconi und Beppo Grillo, die in Italien von 55 Prozent gewählt wurden, als Clowns bezeichnet. Er hat die beiden auch Populisten genannt. Daran hätte niemand Anstoß genommen. Aber Clowns sind etwas anderes. Clowns muss man nicht ernst nehmen, Populisten schon.

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Verständlichweise hat Staatspräsident Napolitano ein Treffen mit Steinbrück abgesagt. Napolitano, früher Kommunist, ist einer der wenigen allseits respektierten Figuren in dem zerfallenen politischen System in Italien. Eine Retourkutsche von Berlusconi hätte Steinbrück genutzt – Napolitanos Nein ist peinlich. Man stelle sich für einen Moment vor, der kommende italienische Ministerpräsident würde – sagen wir – die Piraten, die im Herbst mit sensationellen 15 Prozent in den Bundestag einziehen und die CSU, die in Bayern 55 Prozent bekommen hat, als Clowns bezeichnen. Die halbe Republik hätte Schnappatmung.

Was zeigt uns diese Affäre? Erstens: Das Niveau der Beleidigungen zwischen der politischen Klasse in Deutschland und Italien befindet sich in erfreulich aufsteigender Bewegung. Berlusconi beschimpfte den SPD Mann Martin Schulz einst als "Kapo", also Aufseher in einem KZ. Im Vergleich dazu wirkt das Clownsbild harmlos. Auch wenn es wohl zu weit führt darin eine subtile Hommage an den Clown der ehrwürdigen commedia dell` arte zu vermuten. Das Subtile ist Peer Steinbrücks Sache nicht.

Stefan Reinecke

Stefan Reinecke

ist Parlamentskorrespondent der taz.

Foto: taz

Zweitens: Die Rot-Grün gewogenen Medien und das Willy-Brandt-Haus können fortan alle pädagogischen Bemühungen und Ermahnungen einstellen, die dem Kanzlerkandidaten Benimm beibiegen sollen. Sie sind überflüssig. Steinbrück ist, wie er ist und als solcher kein Freund des zweiten Gedankens. Vielleicht kann er nicht anders. Vielleicht hält er es für nutzlos nach all dem zerschlagenen Porzellan, das am Weg  seiner Kandidatur schon jetzt aufgetürmt ist, noch in die Rolle des seriösen Staatsmanns zu schlüpfen. Also weiter so.

In Potsdam, wo Steinbrücks Clowns-Äußerung fielen, wurde "Klartext mit Peer Steinbrück" versprochen – und gehalten. Der SPD-Mann inszenierte sich dort als hemdsärmeliger Typ, der versteht, dass den Bürgern das übliche Drumherumgerede der Politiker auf den Wecker fällt.

Klartext reden, ein bisschen gegen die politische Klasse sticheln, aufs Diplomatische pfeifen und populistisch über Andere herziehen – das ist das Rezept. Vielleicht wird Steinbrück unser Beppe Grillo, die teutonischere, ernstere, weniger lustige Ausgabe der politischen Krawallschachtel. Grillos Partei bekam 25, 6 Prozent. Für die SPD wäre das im Herbst mit diesem Kandidaten ein schönes Ergebnis.

Der FDP-Fraktionsvize Volker Wissing: „Er mutiert zunehmend zu einem deutschen Peerlusconi.“

 

Die Vorsitzende der deutsch-italienischen Parlamentariergruppe, die SPD-Politikerin Ulla Burchardt: „Es ist nicht diplomatisch, das politische Personal eines befreundeten Staates mit solchen Begriffen zu belegen.“

 

Der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion Thomas Oppermann: „Ich finde, er hat es auf den Punkt gebracht.“

 

Der grünen EU-Parlamentarier Daniel Cohn-Bendit: „Ich kenne Napolitano sehr gut, und als Staatspräsident weiß er, was sich gehört. Er kann es sich nicht leisten mit Steinbrück zu dinieren, wenn der so ausrastet.“

 

Der Vize-Chef der linken Demokratischen Partei PD Enrico Letta auf Twitter: „Napolitano hält in Berlin die italienische Würde hoch.“

 

Der Abgeordnete von Silvio Berlusconis PDL-Partei Paolo Romani auf Twitter: „Bravo Napolitano! Weg mit Steinbrück oder wir boykottieren die deutschen Produkte!“

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