Kommentar Spaltung der Labour-Partei

Unbehagen mit Corbyn

Sieben Abgeordnete verlassen die Labour-Party um Jeremy Corbyn. Aber sie sind nur die Speerspitze. Wird ihr Protest die Partei verändern?

Luciana Berger (M), Mitglied der Labour-Partei, kündigt bei einer Pressekonferenz ihren Austritt an

Luciana Berger sagte am Montag, Labour sei unter Corbyn „institutionell antisemitisch“ geworden Foto: dpa

Die britische Labour-Partei ist viel mehr als nur eine politische Partei. Geboren als parlamentarische Vertretung der Gewerkschaften, sieht sie sich als Verkörperung der Arbeiterbewegung, also einer über Generationen gewachsenen Identität, die Menschen Halt bietet. Für viele alte Labour-Sympathisanten ist eine andere politische Heimat nicht vorstellbar.

Kämpfe um die Labour-Seele sind daher auch kulturelle Zerreißproben. Es ist nach wie vor für viele britische Linke eine Schande, dass der einzige Labour-Führer der vergangenen vierzig Jahre, der jemals Wahlen gewann, Tony Blair gewesen ist. Der versprühte einst jugendlichen Optimismus und Erneue­rung, verkörpert aber heute Egoismus und Skrupellosigkeit. Es war vor allem der Wunsch nach einem Schlussstrich unter die Ära Blair, der den Aufstieg Jeremy Corbyns begünstigte. Der punktete mit seinem Image als harmloser, gütiger Weihnachtsmann, der weise Worte und Geschenke verteilt.

Aber Corbyn mit seinen familiären Wurzeln in der Friedensbewegung der 1930er Jahre und seinem Umfeld aus weltfremden Oberschichtintellektuellen verkörpert ebenso wenig wie Blair die alte Labour-Volksseele. Und in seinem Windschatten sind zentrale Parteiämter an skrupellose Apparatschiks gegangen, die einen befremdlichen Führerkult pflegen und jeder abweichenden Meinung mit Hass begegnen.

Die sieben Labour-Abgeordneten, die jetzt aus Protest gegen diese Entwicklung öffentlich aus der Partei austreten, sind zahlenmäßig nicht viel. Aber sie sind nur die Speerspitze. Das Unbehagen über Labour unter Corbyn ist in der britischen Linken ähnlich weit verbreitet wie einst das Unbehagen über Labour unter Blair. Können die Dissidenten diesem Unbehagen jetzt eine neue Heimat bieten, von außen zurück in die Labour-Partei hineinwirken und damit Veränderung erzeugen? Oder werden sie als Verräter isoliert und müssen sich eigene politische Strukturen aufbauen, die wirkungslos verpuffen? Das ist noch offen. Aber mehr noch als der Brexit könnte es über die Zukunft der derzeit stärksten Linken Europas entscheiden.

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Seit 2011 Co-Leiter des taz-Auslandsressorts und seit 1990 Afrikaredakteur der taz.

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