Stalker-App „Girls around me“

Schlampenlogik im Sozialen Netz

Die App „Girls around me“ nutzt öffentlich abrufbare Daten um zu zeigen, welche Frauen sich wo aufhalten. Sie offenbart, wie im Netz Identitäten zerlegt und verkauft werden.

Offline-Protest gegen das „Selbst Schuld“-Argument.  Bild: reuters

„Girls in Deiner Nähe!“ Womit jeder zweite miserable Sexcam-Anbieter wirbt, genau das hat kürzlich eine App aus der Pornografie in die Wirklichkeit geholt: „Girls around me“ ist eine Anwendung, die es dem Nutzer dank der Auswertung öffentlicher Daten erlaubt, Örtlichkeiten mit für ihn besonders interessanten Frauen in seiner Nähe zu finden.

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Ist eklig, entsprechend fiel das Medienecho aus. Die New York Times titelte, das sei eine App mit einer neuen Qualität von Gruseligkeit. Apple reagierte und warf die App aus seinem Store.

Die App erinnert nicht von ungefähr an iSonular: Ein Dienst, der es Anglern und Jägern erlaubt, die erfolgsversprechendsten Orte und Tageszeiten für ihr Hobby herauszufinden. Über „Girls around me“ konnte man zwar auch Männer finden, aber sogar die Programmierer hielten dieses Szenario offenbar für den Ausnahmefall – hätten sie den Dienst „People around me“ genannt, wahrscheinlich gäbe es ihr Produkt dann noch im App-Store.

So aber regt sie ein paar ekelhafte Fantasien an, wenn man sich überlegt, wer so etwas nutzen könnte; und also hat sich ziemlich schnell die Beschreibung „Stalker-App“ durchgesetzt.

Wiederkehr des zynischen alten Slut-Arguments

„Girls around me“ kombinierte ausschließlich öffentlich zugängliche, für jeden einsehbare Daten. Da stellt sich die Frage, ob die Frauen selbst nicht verhindern könnten, zu Freiwild zu werden, wenn sie zurückhaltender mit ihren Daten umgingen.

Zurückhaltender als Männer, versteht sich, und das heißt auch: unsichtbarer als sie. Denn Frauen zuzurufen, sie sollten sich halt bei Diensten wie Foursquare nicht anmelden, und wenn doch, dann halt bitte mit allen Risiken, heißt: Entweder ihr werdet unsichtbar, oder ihr habt es halt selbst so gewollt. Es ist die Wiederkehr des zynischen alten Slut-Arguments: Wer einen Minirock trägt, braucht sich über eine Vergewaltigung nicht beklagen.

Aber das grundsätzliche Problem sind nicht die Stalker und Vergewaltiger, die sich damit einen digitalen Kompass zulegen könnten. Die sind bloß eine beredte Metapher für das, was gerade flächendeckend passiert: Vergewaltigung als Sinnbild des allgegenwärtigen Kontrollverlustes, der aber nicht von den potenziellen Nutzern ausgeht, sondern von den App-Entwicklern.

Die besten Kinos, Brötchen und Frauen

Dazu muss man ein wenig ausholen: Eine Online-Identität ist die Geschichte, die man im Netz von sich erzählt. Idealerweise selbstbestimmt – aber das ist eine Vorstellung, von der man heute sehr weit entfernt ist: Tatsächlich fragmentieren und zerlegen Dienste und Applikationen diese Identität in kleine, marktkompatible Ausschnitte, die man dann weiterverkaufen kann, Einkommensklasse, Beziehungsstatus, Wohnort, Geschlecht.

Identität ist online ein Rohstoff, der – zerlegt und aufbereitet – vertrieben wird. Die besten Kinos in Deiner Nähe, die besten Brötchen, die besten Frauen: Das ist ungefähr die gleiche Logik, der Markt macht da keinen Unterschied.

Das Dilemma ist also Folgendes: Einerseits braucht man diese Dienste, um online zu kommunizieren, sich sichtbar zu machen und stattzufinden. Andererseits kann man sich nicht sichtbar machen, wenn man beliebig in Einzelteile zerlegt werden kann: in Geschlecht, Einkommen, Interessen, soziales Umfeld, und man am Ende ein völlig zerrissenes, kubistisches Porträt abgibt.

Die Kritik an solchen Diensten bleibt immer in der Defensive, wenn er dem Nutzer vorschreiben will, wie er seine Geschichte im Netz zu erzählen hat. Das Credo der Datenschützer ist viel zu oft: Ihr müsst bewusster werden, ihr müsst besser aufpassen, ihr müsst einfach alle viel besser sein als ihr es gerade seid. Sie tun ethisch, sind aber bloß moralisch.

Das Problem ist nicht die Offenheit im Internet, sondern die Marktlogik, die einen derart zerreißt. Solang Datenschutz und Kulturpessimisten nicht fortschrittlicher werden und an ihre Kritik eine Absage an den Markt anschließen, bleiben sie Bedenkenträger, mehr nicht. Solang wird man von da auch keine Alternativen erwarten dürfen, nur Belehrung.

 

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