Kommentar Tennis und Handball

Das große deutsche Sportwochenende

Der Alltag ist berechenbar, großer Sport ist es nicht. Die Siege von Angelique Kerber und dem Handballteam beflügeln Fans und Vermarkter.

Eine strahlend lächelnde Frau mit blonden Haaren und pinker Sportjacke - es ist Angelique Kerber - vor ihr eine Frau mit Handy, hinter ihr ein Mann mit Handy, beide versuchen sich mit Kerber zu fotografieren

Alle wollen jetzt ein Selfie mit Angelique Kerber. Foto: dpa

Manchmal passieren im Sport Dinge, die vielleicht nur in dieser Parallelwelt möglich sind. Die Sportfans, von denen es in Deutschland verdammt viele gibt, wissen aus Erfahrung, dass sie in ihrem Alltag nicht auf die wundersame Wendung oder das schicksalhafte Glück hoffen sollten.

Aber in jener Welt, in der kleine gelbe Filzbälle und klebrige Handbälle durch Arenen fliegen, ist es möglich, dass eine Außenseiterin zur Heldin von Melbourne wird und junge Draufgänger, von denen man nicht viel erwartete, plötzlich Europameister im Handball werden. Die Metamorphose von Sportlern, die eben noch von dieser Welt waren und im nächsten Moment über sich hinaus wachsen, ihr Können mit dem Faktor x multiplizieren und im Handumdrehen ein neues Niveau erreichen, übt eine riesengroße Faszination aus.

Die Aussicht auf ein spielerisches Drama fesselt eben mehr als die Aussicht auf eine weitere Woche im Büro, den Elternabend in der Kita oder festgefahrene Diskussionen über Zuwanderung. Der Alltag ist berechenbar, großer Sport ist es nicht. Großer Sport kann Sinn stiften. Er kann Illusionen, neue Weltsichten erzeugen – und Ablenkung verschaffen von den Zumutungen des Lebens. Ja, Sport lenkt ab, aber das muss nichts Schlechtes sein, denn Gesellschaften brauchen diesen sportlichen Eskapismus, weil das zu ihrem Funktionieren beiträgt.

Steckt in jedem großen Sportereignis die Sehnsucht nach einem ozeanischen Gefühl der Gemeinsamkeit, so wirken seine Begleiterscheinungen geradezu als Abtörner. Gemeint sind die Schattenseiten: Doping, Korruption, Betrug. Sie machen siegestrunkene Fans schlagartig nüchtern. Aber davon hatte dieses Wochenende der deutschen Erfolge zum Glück gar nichts.

Jubelstürme in Deutschland

Die Fans konnten ganz ungezwungen in die offenkundig heile Parallelwelt eintauchen, ein Teil von ihr werden, ein Stück abhaben von den Übersportlern, die das schier Unmögliche geschafft haben: Angelique Kerber, die zum ersten Mal in einem Grand-Slam-Finale stand, es gewann und Erinnerungen wach rief an eine große deutsche Tennis-Ära. Dann die Handballer, das jüngste Team der EM, das sich rauschhaft steigern konnte, bis hin zur Qualifikation für die Olympischen Spiele in Rio. Im Sport hat die Parole „Wir schaffen das“ einen anderen, entspannteren Klang. Auch das mag die Jubelstürme in Deutschland erklären.

Das Fernsehen, das über die Heldentaten der Aufsteiger berichtet, macht die Tür ganz weit auf in diese wunderbare Parallelwelt des Sports. Es wirkt wie ein Verstärker. Es verstärkt die Emotionen und jenes Phänomen, das 2006 auf den Namen „positiver Patriotismus“ getauft wurde. Der deutsche Fan in Kiel, Melsungen oder Gummersbach jubelt zwar gern seinen Heroen zu, aber den deutschen Pass sollten sie schon haben. Falls nicht, wird schnell weitergezappt. Der Fan denkt lokal, nicht global.

Wenn der Erfolg deutscher Sportler die ersten politischen Nutznießer findet und Glückwunschtelegramme aus der Berliner Republik an eine Tennisspielerin gehen oder an Handballer, dann ist der Sport wieder mal zum nationalen Projekt geworden. Aber das ist ja das Schöne an der Winterszeit, in der die Loipen und Schanzenausläufe – und nun auch die Centrecourts und Handballhallen – mit deutschen Erfolgen nur so gepflastert sind. Und die richtigen Verkäufer dieser Erfolge gibt es auch.

Sympathische Sieger im Quotenkampf

Die Sport-Kommentatoren kriegen sich, sobald das Ereignis auf den Höhepunkt zusteuert, gar nicht mehr ein. Aber große Sportdramen brauchen nun mal Marktschreier. Also werden die spektakulären Geschichten, die Kerber und die deutschen Handballer geschrieben haben, mit Lautsprecherstimme unters Volk gebracht. Das hat mit Journalismus nicht mehr viel zu tun, aber kann man das den Öffentlich-Rechtlichen und den anderen TV-Anstalten vorwerfen? Wohl kaum, denn sie haben die Rechte an den Sportmärchen teilweise teuer erworben.

Dieses Produkt muss, mit allem, was man hat, beworben werden. Am besten geht das natürlich, wenn man sympathische Sieger in den Quotenkampf schicken kann. In so einem Fall läuft die Verkaufe des eigenen Produkts wie geschmiert. Und manchmal kann das Soll sogar übererfüllt werden, mit einer Sondersendung (“Super, Jungs!), dem Empfang der EM-Handballer gewidmet. Je größer der Hai, desto mehr Putzerfische hängen an ihm. Die dritte Halbzeit läuft. Auch das ist ganz großer Sport.

 

Seit 1998 mehr oder weniger fest bei der taz. Schreibt über alle Sportarten. Und auch über anderes.

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