Kommentar Wahl im Libanon

Ein Land auf der Kippe

Die Schiitenmiliz Hisbollah geht gestärkt aus der Wahl hervor. Für das kleine Land mit den vielen Flüchtlingen ist das keine gute Nachricht.

Eine Frau in einer Wahlkabine

Bei der Wahl ging es nicht um soziale Grundversorgung, sondern um nahöstliche Machtfragen Foto: ap

Wenn im Libanon ein Sack Reis umfällt, dann wackelt manchmal die ganze Region. Das Land mag winzig sein und kompliziert, aber es ist vor allem eins: ein Ort, an dem die großen Mächte des Nahen Ostens gern ihre Konflikte austragen. Deswegen geht es bei Wahlen auch meist gar nicht vorrangig um Arbeitsplätze (zu wenig), Müllabfuhr (Katastrophe) oder soziale Grundversorgung (nichtstaatlichen Akteuren überlassen), sondern um nahöstliche Machtfragen – zum Verdruss vieler Libanesen.

Die libanesische Schiitenmiliz Hisbollah und ihre politischen Verbündeten sind gestärkt aus den Parlamentswahlen vom Wochenende hervorgegangen. Das bedeutet nicht nur, dass die „Partei Gottes“, die auf der Terrorliste der USA steht, auf jeden Fall wohl wieder an der nächsten Regierung beteiligt werden muss. Die Hisbollah ist zudem der engste politische und militärische Partner des Iran. Mit ihrem Sieg und der Niederlage der sunnitischen „Zukunftsbewegung“ von Saad Hariri – ein Verbündeter Saudi-Arabiens und des Westens – punktet der Iran. Und das hat auf jeden Fall Auswirkungen auf die fragile Situation im Libanon und darüber hinaus.

Libanons Nachbarland Syrien ist längst zum Schauplatz eines sunnitisch-schiitischen Konflikts geworden. Stellvertretend sind hier auch der Iran, auf der Seite des Regimes, und Saudi-Arabien, auf der Seite der Opposition, gegeneinander angetreten. Der Ausgang ist bekannt: Syriens Diktator Baschar al-Assad hat sich mit Hilfe iranischer Truppen, Hisbollah-Einheiten und russischer Luftunterstützung weitestgehend durchgesetzt.

Schon seit Beginn des Syrienkrieges wächst die Gefahr, dass sich die Gewalt auf den Libanon ausweitet. Nicht nur, weil derselbe Konflikt auch das kleine Land am Mittelmeer dominiert, sondern vor allem, weil dort 1,5 Millionen Flüchtlinge aus Syrien leben. Bei einer Bevölkerung von gerade mal rund sechs Millionen Libanesen ist das eine in jeder Hinsicht gewaltige Zahl. Das Land steht sogar ohne politische Konflikte auf der Kippe und wird nur dank der Arbeit der internationalen Hilfsorganisationen überhaupt vor dem Absturz bewahrt.

Schon seit Beginn des Syrienkrieges wächst die Gefahr, dass sich die Gewalt auf den Libanon ausweitet

Der Triumph der Hisbollah, den ihr Chef Hassan Nasrallah nun auch noch genüsslich als „politischen und moralischen Sieg“ anpries, ist deshalb nicht ungefährlich. Er provoziert den politischen Gegner, vor allem die Sunniten, von denen es bei weitem extremere und gewaltbereitere Gruppen gibt als die eher westlich orientierte „Zukunftsbewegung“ Hariris.

Und nicht nur das. Auch Saudi-Arabien und Israel könnten sich von der indirekten Stärkung Teherans einmal mehr bedroht fühlen. Für Israel rückt der Iran an allen Fronten näher, und Saudi-Arabien sieht sich derzeit im Kampf um die Vormachtstellung im Nahen Osten auf der Verliererseite.

Für den Libanon sind das keine guten Nachrichten.

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Silke Mertins arbeitet im Meinungsressort der taz und schreibt vor allem zu außen- und sicherheitspolitischen Themen. Sie war viele Jahre Nahostkorrespondentin und Auslandsredakteurin, unter anderem für die NZZ am Sonntag und die Financial Times Deutschland.

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