Kommentar Wahlen in Zypern

Kein nationaler Chauvinismus

Das Ergebnis der Präsidentschaftswahl zeigt: Die Mehrheit der griechischen Zyprioten hat sich mit der Spaltung der Insel abgefunden.

Viele Menschen schwenken Griechenlandfahnen und jubeln

Unterstützer feiern die Wiederwahl von Präsident Anastasiades in Nikosia Foto: dpa

Das Erfreuliche zuerst: Mit der Wiederwahl des konservativen Nikos Anastasiades zum Präsidenten der Republik Zypern droht auf der geteilten Insel kein Rückfall in nationalistischen Chauvinismus. Den hätte es allerdings auch nicht gegeben, wenn sein linker Konkurrent Stavros Malas an die Macht gekommen wäre, denn die Kandidaten der griechischen Nationalisten waren erfreulicherweise schon vor der Stichwahl aus dem Rennen ausgeschieden. Die Europäische Union muss sich also nicht auf zyperngriechische Kapriolen an ihrer Südostflanke einstellen.

Ob Anastasiades' Wahl allerdings dazu beitragen wird, die Teilung der Insel zu überwinden, bleibt höchst zweifelhaft. Nach dem Scheitern der letzten Verhandlungsrunde im Sommer vergangenen Jahres mehren sich unter den zyperntürkischen Nachbarn im Norden der Insel die Stimmen, die für eine endgültige politische Teilung plädieren.

Deren eigentliche Machthaber sitzen in Ankara, und auch dort wird Präsident Erdogan wenig Gründe dafür finden, die Zyprioten in einen gemeinsamen Bundesstaat zu entlassen. Denn dafür wäre seine politische Rendite zu gering. Die EU-Beitrittsgespräche liegen faktisch auf Eis. Ein Tausch für eine Mitgliedschaft Ankaras im europäischen Klub gegen die Zustimmung zu einer Zypern-Lösung war vor gut zehn Jahren einmal eine verlockende Perspektive. Heute ist sie es aus Ankaras Perspektive nicht mehr.

Der Wahlkampf auf Zypern hat gezeigt, dass auch die griechischen Insulaner nach Jahrzehnten der Hoffnung langsam Abschied von der Hoffnung auf einen gemeinsamen Staat nehmen. Viele Menschen haben sich mit der Teilung arrangiert und empfinden die Risiken eines Kompromisses mit den ärmeren Zyperntürken als höher als den Status quo, an den man sich über Jahrzehnte gewöhnt hat.

Wichtiger als ferne Perspektiven erschien deshalb die Überwindung der Finanz- und Wirtschaftskrise in dem europäischen Zwergstaat. Und da vertrauten die Zyperngriechen eher dem konservativen Anastasiades, der das Land mit einer Rosskur wieder auf den Kapitalmarkt zurückgeführt hat, als den Versprechungen des linken Malas. Zu frisch sind noch die Erinnerungen an diejenigen, die das Desaster zu verantworteten haben: Es war die Finanzpolitik der linken Akel, die das Land beinahe in die Pleite geführt hat.

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Jahrgang 1957, ist Leiter von taz.eins, dem Ressort, das die Seite eins und die Schwerpunktseiten plant und produziert. Er ist seit den 1980er Jahren bei der taz und war u.a. Chef vom Dienst und Ressortleiter im Inland. Seine Themenschwerpunkte sind Zeitgeschichte und der Nahe Osten. Hillenbrand ist Autor mehrerer Bücher zur NS-Geschichte. Zuletzt erschien von ihm herausgegeben: "Die letzten Tage des deutschen Judentums", Hentrich & Hentrich 2017

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