Kreaturen, die die Welt nicht braucht

Der breitmaulige Vielfraß

Rosen, Erdbeeren, Rhododendron? Egal, der Breitmaulrüsselkäfer frisst alles kaputt. Er legt 1000 Eier während seiner Lebensspanne von hundert Tagen. Das sind etwa hundert Tage zu viel.

BERLIN taz Rhododendron? Hm, lecker. Rosen? Mehr! Erdbeerblätter? Her damit!

Nomen est omen: Dieses Tier nimmt seinen Mund gern voll. Der Breitmaulrüsselkäfer frisst alle Blätter, die ihm in den Weg kommen. Was bleibt, sind Kerben und Furchen. Freilich liegt, was schön ist, im Auge des Betrachters - um Ästhetik allein geht es hier aber nicht. Hat sich der Breitmaulrüsselkäfer - mancherorts besser bekannt unter Gefurchter Dickmaulrüssler - über die Blätter und Wurzeln hergemacht, kann die abgenagte Pflanze kaum überleben.

Dabei sieht der kleine Käfer recht freundlich aus. Acht bis zehn Millimeter lang krabbelt er mit seinem schwarzglänzenden Körper (samt gelben Härchen) und seinen Fühlern im Garten umher und sucht - und genau hier beginnt das Problem: Futter. Da kann der kleine Rosenstock schon fast nichts mehr zu bieten haben: Der Breitmaulrüsselkäfer mampft bis wirklich nichts mehr da ist.

Dies sind nur die prominenten Beispiel: Jüngst wurde der Chinesische Flussdelfin für ausgestorben erklärt, im Jahr 2000 war es der Pyrenäen-Steinbock. Und 1980 hatte es den Java-Tiger erwischt. Fast unbemerkt werden in den nächsten 100 Jahren, so schätzen Wissenschaftler, 30 bis 50 Prozent aller Arten verschwinden. So ein Massensterben hat es seit dem Tod der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren nicht mehr gegeben. Dabei werden die meisten Tiere, Pflanzen oder Mikroorganismen ausgestorben sein, bevor der Mensch sie entdeckt hat: Denn bislang sind zwei Millionen Arten bekannt, 10 bis 30 Millionen soll es aber geben. Im Mai 2008 werden in Bonn 5.000 Politiker und Experten darüber streiten, wie seltene Pflanzen und Tieren weltweit geschützt werden können: Die Bundesregierung ist Gastgeber dieser UN-Biodiversitätskonferenz. Und Umweltminister Sigmar Gabriel (SPD) will schon bis September eine nationale Biodiversitätsstrategie entwickeln. Derzeit "löschen wir die Daten der Natur von der Festplatte", sagt er.

Aber mal ehrlich: Auch wenn jede Kreatur eine Daseinsberechtigung hat, weil sie für reines Trinkwasser sorgt, Schädlinge frisst, den Boden lockert oder Arzneien liefern könnte - es gibt doch auch Arten, bei denen es uns schwer fällt, sie lieb zu haben und die gern verschwinden dürften, zumindest aus unserer Nähe. In einer politisch völlig unkorrekten Sommerserie "Kreaturen, die die Welt nicht braucht" machen taz-RedakteurInnen der Evolution schon mal ein paar Vorschläge. Vielleicht hat sie ja ein Einsehen.

Das Wiener Stadtgartenamt rät, die meist mit Erde und frisch gekauften Pflanzen eingeschleppten Tiere am Abend von den Blättern einzusammeln - ein ökologisch einwandfreier Tipp. Doch Otiorhynchus sulcatus ist nicht blöd: Kommt man ihm zu nahe, lässt er sich blitzschnell vom Blatt fallen. Gut getarnt ist er vom Boden kaum zu unterscheiden. Also: ganz vorsichtig eine Hand unter das Blatt schieben. Wendet der Käfer dann seinen Plumps-Trick an, hat er Pech gehabt und landet auf der Hand. Die gilt es aber schnell zu schließen, andernfalls zischt das kleine Tier auf seinen sechs Beinchen davon - und lässt sich in die Freiheit plumpsen.

Dort lebt er bis zu hundert Tage. Klingt nicht lang? Bis zu 1000 Eier legt ein Käferweibchen in seinem Leben. Das gibt viele Geschwister - und viel welkes Grün. Was also tun gegen die - wie es auf gartentechnik.de heißt - "Invasion der Krabbeltiere", die es hier auch in die Bestenliste der "Schädlinge 2007" gebracht haben? Früh aufstehen, rät www.gartenprobleme.de: Denn morgens seien die Käfer kältestarr. Demnach scheinen sie sich morgens einfacher einsammeln lassen als abends.

"Bio-Gärtner" und "Oekolandbau" empfehlen eine andere Methode, geeignet bei Bodentemperaturen von mehr als zwölf Grad: die Käfer-Larven Fadenwürmer - die verträgt der Breitmaulrüsselkäfer nämlich nicht. Man löse die Fadenwürmer in Wasser auf bringe sie per Gießkanne über die Pflanzen. Wer es natürlich schätzt, kann auch in größere Feinde des Breitmaulrüsselkäfers investieren: Neben Tausendfüßler und Spinnen sind das Wühlmaus und Igel.

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