Zwei Monate Frieden sind vorbei: Die Séléka-Rebellen nehmen eigene Minister als Geiseln. Ihr Hauptproblem: Präsident Bozizé und seine Milizen.von Dominic Johnson

„Vaterland oder Tod“: Präsidententreue Miliz in Bangui, geschützt vom Militär. Bild: BIld: reuters
BERLIN taz | Ein Monat Krieg, zwei Monate Frieden – und nun scheint die Verschnaufpause in der Zentralafrikanischen Republik wieder vorbei. Die Rebellenkoalition „Séléka“ (Allianz), die den Norden und Osten des Landes kontrolliert, verkündete in der Nacht zum Donnerstag das Ende ihres Waffenstillstands.
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Ein 72-stündiges Ultimatum an Staatspräsident François Bozizé sei ergebnislos verstrichen, erklärte Séléka-Militärchef Djpouma Narkoyo. „Wir werden wieder zu den Waffen greifen.“ Noch am Donnerstag meldete der französische Auslandsrundfunk RFI den Einzug der Rebellen in die Städte Bouca und Batangafo im Norden des Landes.
Die Zentralafrikanische Republik, ein riesiges, dünn besiedeltes Savannengebiet im Herzen des Kontinents, wird seit 2003 von General François Bozizé regiert, der immer wieder mit bewaffneten Aufständen zu tun hat. Die Séléka-Revolte begann Anfang Dezember, als frühere Rebellengruppen der Regierung die Nichteinhaltung früherer Friedensverträge vorwarfen.
Die Rebellen rückten bis kurz vor die Hauptstadt Bangui vor, wo Eingreiftruppen unter anderem aus Frankreich und Südafrika einen Umsturz verhinderten. Im Januar fand in Gabun eine Friedenskonferenz statt, nach deren Ende die Rebellen in eine Regierung der Nationalen Einheit eintraten.
Doch mit dieser Regierung sind die Rebellen unzufrieden. Präsident Bozizé habe den Séléka-Ministerien wichtige Kompetenzen genommen, klagten sie. Außerdem habe er weder politische Gefangene freigelassen noch ausländische Eingreiftruppen abgezogen. Vielmehr rüste er in Bangui Jugendmilizen auf.
Den Beginn ihrer Demobilisierung Anfang März sagten die Séléka-Kämpfer deswegen ab, und einzelne Gruppen besetzten Ortschaften. Als die fünf Séléka-Minister der Regierung am Sonntag in die Rebellenhochburg Sibut reisten, um mit ihren Truppen zu reden, wurden sie kurzerhand als Geiseln genommen und die Rebellen stellten das jetzt abgelaufene Ultimatum.
Hintergrund der Eskalation ist Beobachtern zufolge das Auftreten von Bozizé-treuen Milizen wie Cocora (Bürgerkoalition gegen bewaffnete Rebellen). Routinemäßig vergleichen zentralafrikanische Politiker das Auftreten dieser Jugendgruppen in Banguis Slumvierteln mit den Hutu-Milizen, die in Ruanda 1994 den Völkermord an den Tutsi verübten.
„Kalaschnikows, Sturmgewehre und Macheten werden an die staatsnahe Zivilbevölkerung und die Cocora-Milizionäre verteilt, die Fahrzeuge durchsuchen und zentralafrikanische Bürger verhaften, die der Zugehörigkeit zu gewissen Ethnien verdächtigt werden, weil sie aus den Regionen stammen, wo die Rebellen herkommen“, schreibt Saturnin Ndomby von der Oppositionspartei Fodem (Demokratisches Forum). „Das muss uns an den Völkermord in Ruanda erinnern. Wir werden nicht sagen, dass wir nicht Bescheid wussten.“
In seiner Rede zum 10. Jahrestag seines Putsches von 2003 am 15. März hatte Präsident Bozizé die Jugend aufgerufen, gegenüber den Rebellen ihre „Verantwortung zu übernehmen“. Séléka sah darin einen Aufruf zu Massakern. Das war die ursprüngliche Begründung für die Ankündigung der Rebellen, wieder zu den Waffen zu greifen.
Dass der Staatschef am Mittwoch per Dekret den Ausnahmezustand aufhob, alle Straßensperren auflöste und alle politischen Gefangenen freiließ – was alles erst noch umgesetzt werden müsste –, befriedigt die Rebellen nicht. Sie erinnern an ihre anderen Forderungen und verlangen neue Regierungsposten.
Das müsste eigentlich den Garanten der Friedensverträge unterbreitet werden, also den Regierungen der Region. Doch die Dynamik hat sich längst verselbstständigt.
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