In Bosnien erinnern auch die damaligen Kriegsreporter an den Krieg. Die meisten haben danach Afghanistan und Irak erlebt und sich jüngst in Libyen wieder getroffen.von Erich Rathfelder

Erinnern an den Krieg: Ein roter Stuhl für jeden Toten. Bild: reuters
SARAJEVO taz | „Jetzt kommen die Kriegsreporter.“ Aida war aufgeregt. Die jetzt arbeitslose Juristin hatte während des Krieges für die CNN-Reporterin Christiane Amanpour als Stringerin gearbeitet und hatte damals ihre gesamte Familie mit ihrem Verdienst ernähren können. „Kannst du mir einen Job besorgen?“ Natürlich nicht.
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Denn es ging bei dem Treffen der journalistischen Kriegsveteranen in Sarajevo nicht darum, an neue Fronten zu eilen. Ursprünglich waren es einige Fotoreporter, die über Facebook und Twitter ausgemacht hatten, den 20. Jahrestag des Bosnienkrieges in Sarajevo zu begehen. Sie brachten den Stein ins Rollen.
Der Le-Monde-Reporter Remy Ourdan kündigte eine Veranstaltung an, andere klinkten sich ein, plötzlich entstand ein Programm mit Diskussionen über Journalismus im Krieg, mit Buchvorstellungen, Abendessen und informellen Treffen, die sich vor Ostern einige Tage hinzogen. Man traf sich mit alten bosnischen Freunden wie dem Chefredakteur der Wochenzeitschrift Slobodna Bosna (Freies Bosnien), Senad Avdic, oder mit Aida Cerkez, die nach wie vor für die Presseagentur AP vor Ort ist.
Mit Berichten über Bosnien haben einige ihre Karrieren aufgebaut. Der Amerikaner Roy Gutman erhielt wegen seiner Reportagen über die Konzentrationslager in Westbosnien und Prijedor noch während des Krieges den Pulitzerpreis, der ebenfalls Prijedor und Omarska beschreibende Brite Ed Vulliamy kritisierte vehement seine Regierung, die damals die serbisch-nationalistische Politik begünstigte, Christiane Amanpour wurde zur journalistischen Ikone.
Gekommen war auch Alexandra Stiglmayr. Heute Leiterin des Büros der European Stability Initiative (ESI). Sie hatte mit ihrem Buch „Massenvergewaltigungen“ während des Krieges für Aufsehen gesorgt. Die später für das Den Haager Kriegsverbrechertribunal arbeitende Florence Hartman gehörte zu den mutigsten Reporterinnen zu Beginn des Krieges. Unvergessen ist auch, wie die türkische Fernsehreporterin Sherif Turgut sich im belagerten Sarajevo für verwundete Kollegen eingesetzt hat.
Die meisten sind dem Journalismus treu geblieben, haben nach Bosnien den Kosovokrieg erlebt, sind nach Afghanistan und Irak gegangen, trafen sich in Libyen wieder. Roy Gutman arbeitet jetzt für die McClatchy Company von Istanbul aus für den Mittleren Osten und den Balkan, der Holländer Harald Doornbos deckt die Region Pakistan bis Marokko für holländische Medien und eine Fernsehstation in Dubai ab.
Andere wiederum haben ihre Kenntnisse weiterverarbeitet. Der Amerikaner Chuck Sudetic schrieb als Ghostwriter das Buch der Chefanklägerin des Kriegsverbrechertribunals, Carla del Ponte, und bekam damit Einblicke in Dokumente, die anderen Journalisten verschlossen blieben.
Alle aber vereint die Erfahrung in Sarajevo. „Die Menschen hier haben trotz aller Bedrückungen mit ihrer Toleranz und ihrem Witz mein Weltbild mitgeprägt“, sagte Ed Vulliamy am Rande der Präsentation seines neuen Buches über den Bosnienkrieg „The war is dead, long live the war“.
„Der bosnische Islam imponierte mir von Anfang an, trotz des Völkermordes gab es nach dem Krieg keine Racheakte“, sagte Harald Doornbos vor den 11.541 leeren Stühlen, die am Karfreitag als Erinnerung an die Opfer aufgestellt waren.
Für viele stellvertretend erklärte eine Überlebende der Konzentrationslager von 1992 bei einem gemeinsamen Essen: „Ihr seid hierhergekommen, um über unser Schicksal zu berichten. Ihr habt große Gefahren auf euch genommen, einige sind getötet worden. Wir danken euch Kriegsreportern, dass ihr über die hier geschehenen Verbrechen berichtet habt.“
Inzwischen sind die meisten wieder abgereist. Nur Remy Ourdan will mit dem Belgier Philippe Deprez und dem Autor selbst in der Stadt bleiben und ein Dokumentationszentrum über Kriegsberichterstattung weltweit aufbauen. „Sarajevo ist dafür der richtige Platz“, sagt er.
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