Das DIA-Institut stellt "Zukunftstrends" in der Altersvorsorge vor: den "Gesundheitssparvertrag" oder "Immobiliensparen rückwärts". Kaum einer profitiert davon. von BARBARA DRIBBUSCH

Die Prophezeihung: Ein "strategischer, ganzheitlicher" Umgang mit Geld wird wohlhabende Senioren von morgen auszeichnen. Bild: dpa
BERLIN taz | Wenn der selbsternannte Trendforscher Matthias Horx spricht, sieht man sich unwillkürlich nach der Kristallkugel im Raum um, so, sagen wir mal: opak klingen seine Weisheiten. Horx prophezeite in einer neuen "Studie" "Megatrends" in der Altersvorsorge. Wobei zum "long life management" die "corporate health" als neue "business chance" gehören, der Softindividualismus und "greenomics".
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Horx ist Mitautor der Studie "Zukunftstrends in der Altersvorsorge" des Deutschen Institut für Altersvorsorge (DIA). Das DIA wird von der Deutschen Bank und anderen Investmentunternehmen gesponsert. Klar also, dass es bei den prognostizierten Trends nicht darum ging, wie die Versorgung der gesamten Bevölkerung im Alter aussehen kann. Vielmehr hatte Horx die gut Betuchten im Blick. Er prophezeit einen "strategischen, ganzheitlichen" Umgang mit Geld, der die wohlhabenden Senioren von morgen auszeichnet.
Wenn man sie gewissermaßen gegen den Strich liest, ergibt, die Sammlung an neuen Serviceprodukten und altbekannten Zahlen, die Horx und sein Mitautor Christian Rauch als "Studie" präsentierten, dennoch einen Einblick, was die Wirtschaft sich in Zukunft erhofft bei den Finanz- und Serviceprodukten.
"Die Sicherstellung körperlicher Fitness und Gesundheitsservices" werden "zum neuen Anlageziel", erklärten Horx und Rauch. Ähnlich wie heute Bau- oder andere Sparverträge üblich seien, könnten "Gesundheitssparverträge" ein "neues Business-Modell" sein. Diese könnten zur Finanzierung privater Vorsorge oder für Leistungen eingesetzt werden, die von den Krankenkassen nicht mehr finanziert werden.
Als extremes Beispiel einer "Gesundheitsanlage" wiesen Horx und Rauch daraufhin, dass die Nachfrage nach Stammzellbanken "rapide steige". "Immer mehr Eltern neugeborener Kinder nutzen die Möglichkeit, Stammzellen aus dem Nabelschnurblut einzufrieren. Bei Bedarf könnten diese später zur Therapie von Krankheiten verwendet werden". Die Kosten für "diese Form der Gesundheitsvorsorge" beim "deutschen Marktführer Vita 34" liege bei "knapp 2000 Euro plus 44 Euro Lagergebühr pro Jahr."
Horx und Rauch prophezeihen auch eine "neue Symbiose zwischen Tourismus und Medizin". Neue Serviceangebote wie "Medical Wellness oder Spezial Ressorts, in denen unter Urlaubsbedingungen therapiert wird oder Kliniken mit Patientenhotels, die sich auch mit medizinischer Kosmetik und Anti-Aging befassen, sind erst der Anfang", heißt es in der Studie. Bereits heute entwickeln Anbieter Fernreisen "in ärztlicher Begleitung", die gerne von betagteren Kunden gebucht werden.
Die "Lerngruppen für Superreiche" in den USA gelten als Vorbild neuen Networkings. "Tiger 21 ist die führende Peer-to-Peer-Lerngruppe der USA für Investoren mit einem Portfolio im Wert von mindestens zehn Millionen Dollar", berichten Horx und Rauch. Einmal im Monat treffen sich die Mitglieder in Meetings und machen sich gegenseitig ihre "breite Expertise und kollektive Intelligenz" in Sachen Investment zunutze.
Für Immobilienbesitzer, die nicht so reich sind, sich aber trotzdem im Alter noch ein paar nette Jahre machen wollen, schlagen Horx und Rauch das "Immobiliensparen rückwärts" vor. Sowas gibt es schon in den USA und in Großbritannien. Dabei wird die Immobilie von der Bank beliehen, der Hausbesitzer kann sie nach und nach versilbern und das Geld verfrühstücken, ohne aber vor seinem Tod ausziehen zu müssen.
Aufmerksam wird man allerdings, wenn Horx ein Piktogramm mit einer neuen "Agentur für Finanzdienstleistungen" an die Wand wirft, einer Agentur, die sich um Investments, Darlehen und Rechnungen kümmern soll und selbstverständlich gerne eine Weiterentwicklung von Serviceleistungen der Banken sein könnte. Das würde bedeuten, dass betuchte Anleger künftig noch mehr Geld für irgendwelche Services hinblättern sollen. Dabei haben sie sich gerade erst von den Finanzberatern der Banken emanzipiert, seitdem diese beim Kauf von Wertpapieren die Kosten genau aufschlüsseln müssen. Der Alptraum, so klagte unlängst ein Berliner Finanzberater, sind Kunden, die schon "mit der Ratgeber-Broschüre der Stiftung Warentest anrücken".
Doch das Problem, unter den vielen tollen Produkten der Zukunft auszuwählen, dürften nur wenige haben. Eine frühere Erhebung des DIA ergab, dass vier von zehn Befragten keine private Altersvorsorge begonnen haben und dies auch nicht vorhaben. Schon heute liegt jeder achte Rentnerhaushalt unter der Armutsgrenze, teilte das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) in dieser Woche mit. Tendenz steigend. Die häufigste Altersvorsorge ist immer noch die selbstgenutzte Immobilie, die etwa 50 Prozent der Bevölkerung bewohnen. Und die muss oft erstmal abbezahlt werden, bevor man sie wieder versilbern kann.
Doch um die konkreten Lebenslagen der Bevölkerung in Sachen Altersvorsorge ging es nicht in der Veranstaltung der DIA. Die Nachrichtenagentur dpa verbreitete am Nachmittag: "Die angekündigte Meldung zur Pressekonferenz des Deutschen Instituts für Altersvorsorge zu Zukunftstrends entfällt. Die Pressekonferenz hatte keinen Nachrichtenwert."
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