Künstliche Intelligenz im Turing-Test

„Captain Cyborg“

Angeblich hat ein Computer den Turing-Test bestanden und künstliche Intelligenz bewiesen. Doch es sind Zweifel angebracht.

Nicht immer ist klar, von wem die Antworten in einem Online-Chat kommen. Bild: imago/Eckard Stengel

BERLIN taz | Ein Computer soll angeblich mehrere Menschen davon überzeugt haben, dass er ein denkender Mensch sei. Doch bei genauerem Hinsehen bleibt von der Meldung über den intelligenten Computer Eugene nicht mehr viel übrig.

Der sogenannte Turing-Test wurde vom Computerpionier Alan Turing erdacht. Turing war vor allem dafür bekannt, dass er im Zweiten Weltkrieg die Verschlüsselungstechnologien der Nazis brechen konnte. Doch er befasste sich auch intensiv mit der Möglichkeit künstlicher Intelligenz und stellte die Frage, wann man eine Maschine als intelligent bezeichnen könnte.

Die Idee des Turing-Tests: Ein Mensch kann mit einem Computer nur schriftlich kommunizieren. Wenn der Mensch anschließend davon überzeugt ist, dass es sich bei seinem Gesprächspartner ebenfalls um einen denkenden Menschen handelt, gilt der Test als bestanden.

Die künstliche Intelligenz beflügelt schon seit Langem die Science-Fiction-Literatur. Meist erscheint diese Entwicklung als Bedrohung, etwa wenn intelligente Roboter in dystopischen Zukunftsszenarien die Menschheit unterdrücken. Doch die Realität bleibt bislang weit hinter der Fantasie der Science Fiction-Autoren zurück.

Der Wissenschaftler ist bekannt für Übertreibungen

Das in Russland entwickelte Programm Eugene hat nun in einem Test des Wissenschaftlers Kevin Warwick von der Universität Reading in England 30 Prozent der Teilnehmer per Chat in englischer Sprache davon überzeugt, dass er ein 13-jähriger Junge aus der Ukraine sei. An diesem Testkriterium gibt die meiste Kritik. Denn alle Schwächen, die Eugene hat, können auf mangelndes Wissen oder auf fehlende Sprachkenntnisse zurückgeführt werden.

Kevin Warwick ist kein Unbekannter. Schon in der Vergangenheit wurde dem britischen Wissenschaftler vorgeworfen, mit übertriebenen Behauptungen auf sich aufmerksam zu machen. So behauptete Warwick 2000, dass er dank der Implantation eines Chips in seinen Arm der erste Cyborg sei, und einige Jahre später, dass er einen Menschen mit einem Computervirus infiziert habe. Die britische IT-Nachrichtenwebseite The Register bezeichnet Warwick regelmäßig als „Captain Cyborg“.

Alan Turing selbst hat seinen Test für künstliche Intelligenz nur sehr ungenau definiert. Wie lange die Kommunikation andauern sollte und welche genauen Hintergründe der simulierte Mensch hat, darüber gibt es keine Angaben. Oft dreht sich daher der Streit bei angeblich bestandenen Turing-Tests um die Frage, wie ein solcher Test überhaupt aussieht.

Bereits 2011 hatte ein ähnliches Programm namens Cleverbot fast 60 Prozent der Teilnehmenden davon überzeugt, dass es sich um einen Menschen handelt – weit mehr als die von Eugene erreichten 30 Prozent.

Medienrummel ohne Relevanz

Ob der Turing-Test ganz grundsätzlich geeignet ist, künstliche Intelligenz zu beweisen, wird von vielen Forschern angezweifelt. Mit einigen Tricks, die nichts mit wirklicher Intelligenz zu tun haben, lässt sich viel erreichen. Eugene wechselt häufig einfach das Thema, wenn er zu einer Frage keine passable Antwort weiß, was auch in einer menschlichen Konversation nicht weiter auffällt.

Der Informatiker Scott Aaronson hat in seinem Blog eine Konversation mit Eugene veröffentlicht. Dabei konnte das angeblich intelligente Programm selbst einfache Fragen nicht beantworten. Laut Aaronson sei selbst einer der Entwickler von Eugene, Vladimir Veselov, der Meinung, dass es sich bei der Nachricht vom bestandenen Turing-Test vor allem um Medienrummel mit wenig wissenschaftlicher Relevanz handle.

Aaronson betont, dass er den Entwicklern von Eugene keinen Vorwurf mache. Vielmehr sei das Problem die übertriebenen Ankündigungen von Kevin Warwick – und Journalisten, die die Meldung vom intelligenten Computer unkritisch weiterverbreiteten.

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