Kulturfestival im Wendland

Yoga im Obstgarten

Die „Kulturelle Landpartie“ im Wendland lockt mit 1.600 Veranstaltungen. Das Festival geht auf den Protest gegen Atomanlagen und Castortransporte zurück.

Eine Frau macht auf einem Bauernhof riesige Seifenblasen

Schon schön: Seifenblasen während der „Kulturellen Landpartie“ 2015 Foto: dpa

ZEETZE taz | Wollten Sie nicht schon immer mal bei strahlendem Sonnenschein im großen Garten frühstücken und dabei mit Gitarrenmusik unterhalten werden? Oder auf Eseln über den Gorlebener Salzstock reiten? Oder selbst Harfe spielen? Bei der Kulturellen Landpartie im Wendland ist all das kein Problem. Nach 55 Minuten im Anfänger-Workshop, verspricht etwa Kursleiter Thomas Breckheimer aus der Zeetzer Mühle, „spielen alle Harfe“. Alle – also auch diejenigen, die vorher noch nie in ihrem Leben ein solches Instrument in der Hand hatten.

Die täglichen Harfenkurse – Teilnahmegebühr: zehn Euro oder ein Sack trockenes Brennholz – gehören zum Standardangebot der Kulturellen Landpartie. Das Festival im Wendland, das an diesem Donnerstag startet und bis zum 21. Mai läuft, ist der bei weitem größte Veranstaltungszyklus dieser Art in Deutschland. Bis Pfingstmontag gibt es in 88 Orten rund 1.600 Ausstellungen, Konzerte, Aufführungen und Lesungen. Knapp 1.000 Künstler und Kunsthandwerker wirken dabei mit.

Das Festival geht auf die Proteste der Bevölkerung des Landkreises Lüchow-Dannenberg gegen Atomanlagen zurück. Nach den ersten großen Demonstrationen in Gorleben zogen in den 70er- und 80er-Jahren zahlreiche Kulturschaffende aus Großstädten ins Wendland.

Yoga und Smoothies

Insbesondere für gestresste Großstadtbewohner hält die Landpartie noch heute zahlreiche Angebote zur körperlichen wie seelischen Entspannung bereit. Therapeuten und Musiker offerieren in Gärten und Scheunen Reiki und Massagen, indianischen Gesang oder einfach „kreative und meditative Augenblicke am Waldesrand“. Für Frühaufsteher wurde bereits Donnerstag Morgen um acht Uhr „Hatha-Yoga im Obstgarten“ auf dem Rosenhof in Göttien angeboten.

Es gibt Kurse für nahezu alles und jeden. Das Bogenschießen und -bauen kann ebenso erlernt werden wie Zaubertricks. Interessierte können an „Barfußgängen für den gesunden Rücken“ teilnehmen oder Wildkräuter-Smoothies und „Frohkostsäfte“ herstellen. Und doch lässt sich die Kulturelle Landpartie im Kreis Lüchow-Dannenberg nicht aufs Esoterische und Biodynamische reduzieren. Es gibt nämlich auch viel Handfestes zu bestaunen.

Nahezu alle Künstler und Kulturschaffenden, die sich in den vergangenen Jahren im Wendland niedergelassen haben, öffnen während der Landpartie ihre Werkstätten und Ateliers. Das Publikum kann Malern und Bildhauern in ehemaligen Ställen bei der Arbeit zusehen sowie Theater und Musik auf Höfen und Dorfplätzen erleben.

Spaziergang an Castor-Schienen

Auch der Anti-Atom-Protest ist im Jahr 2018 noch Thema der Landpartie: Wer sich etwa am Donnerstag über die Gorlebener Widerstandsgeschichte informieren wollte, war beim Schienenspaziergang entlang der Castortstrecke am Bahnhof Leitstade richtig.

In Gartow präsentierte der Multimedia-Künstler Arthur Schrödinger unter dem Titel „Gorleben Reloaded“ seine Sicht auf das Jahr 2050. Musikvideos im Garagenkino beschäftigen sich mit Gorleben und seiner strahlenden Last. Am Freitag vor Pfingsten bleiben viele „Wunderpunkte“ geschlossen, Veranstalter und Gäste treffen sich stattdessen zu einer „Kulturellen Widerstands-Party“ an den Gorlebener Atomanlagen.

Insgesamt erwarten die Veranstalter der Landpartie bis Pfingsten etwa 50.000 Besucher. Obwohl in den meisten Orten provisorische Parkplätze ausgewiesen sind, kommt es auf den schmalen Dorfstraßen bisweilen zum Chaos – dann müssen Clowns mit bunten Staubwedeln zur Verkehrslenkung einschreiten. Schon deshalb empfiehlt es sich dringend, die „Wunderpunkte“ mit dem Rad abzufahren.

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