Landflucht aus dem Hinterland

Stadt, Land, Fluss: „Dat löppt“

Verschlafene Provinz? Oberndorf an der Oste kämpft mit Landflucht und Mobilität – und zeigt zivilgesellschaftliches Engagement.

Frauen übernehmen das Ruder am Runden Tisch von taz.meinland Bild: Paul Toetzke

von TORBEN BECKER

Zunächst erscheint Oberndorf bei Stade als verschlafene Provinz. Doch der Schein trügt. taz.meinland war am 04. Juli 2017 hier, um über die Vor- und Nachteile des Landlebens zu diskutieren und entdeckte eine bunte Landschaft zivilgesellschaftlichen Engagements.

Direkt und aufgeschlossen: Der norddeutsche Schnack lässt Eis in Sekundenschnelle schmelzen. Hinterm Deich schmückt eine kleine Kirche den Dorfkern. Im Nachbarhaus leuchten eher unkonventionell Neon-Herzen und locken mit den Freuden der Nacht. „So was findste nur in Oberndorf“, versichert uns nicht ganz ohne Stolz ein Anwohner.

In Oberndorf setzen sich Initiativen und Netzwerke für regionale Wirtschaft und gegen Politikverdrossenheit ein. Mit taz.meinland wollen sie über ihre Arbeit, politische Teilhabe und regionales Selbstbewusstsein diskutieren.

Treffpunkt war die Mocambo, das älteste noch im Dienst befindliche Fahrgastschiff der Bundesrepublik – Baujahr 1872. Bis voriges Jahr war die Mocambo ein altes marodes Schiff. Petra und Sven Kanje haben den Kahn aber in liebevoller Arbeit restauriert. Heute ankert es an der Anlegestelle in Oberndorf. Die Oste fließt vorbei.

Am frühen Abend hat sich das Unterdeck bereits gefüllt. Bei Wein, Bier und vertieften Gesprächen schaukelte man sich auf der Mocambo in Diskussionslaune.

Nicht hintenüber fallen

Schon in der Vorstellungsrunde war der Tenor der Diskussionsrunde gefunden: Die Stärkung eines Selbstbewusstseins der Region – ein neues Wir-Gefühl, daran wird hier gearbeitet. Ein Plädoyer, das sich Renate Bölsche (Arbeitsgemeinschaft Osteland), Eleonore Lemke (BUND Cuxhaven), Monika Mengert (Geschäftsführerin Energie Oldendorf), Barbara Schubert (Dorfentwicklung Oberndorf), Edda Renelt (Kulturmühle Osten) und Ursula Männich-Polenz (Mitglied im Gemeinderat Oldendorf-Himmelpforten für die Grüne) teilten. taz.meinland-Redakteurin Malaika Rivuzumwami moderierte die Diskussionsrunde.

Männer müssen ihren Frauen den Rücken stärken

Die Frauenrunde war sich einig: Ein großes Defizit ist, dass sich im zivilgesellschaftlichen Bereich zwar sehr viele Frauen engagieren, diese aber in den Gemeinde- und Kreisräten stark unterrepräsentiert seien, so Renate Bölsche. Dafür müssen die Rahmenbedingungen geschaffen werden. Dies kann nur geschehen, wenn sich mehr Menschen und insbesondere mehr Frauen in der Politik für die Region einbringen. Dazu gehört, dass die Männer ihren Frauen den Rücken stärken müssen, forderte Männich-Polenz.

Das ist die Voraussetzung, die großen Themen der Region gemeinsam zu bearbeiten: beispielsweise die selbstverwaltete Stromversorgung. Die Initiative „Regionalstrom Osteland“ möchte mit eigener Energie eine lebenswerte und nachhaltige Region schaffen und mitgestalten. Mit der Selbst- und Refinanzierung erneuerbarer Energien verspricht sich die Initiative im Verbund mit der lokalen Bevölkerung eine größere Unabhängigkeit von Großkonzernen. Diese verfolgten ohnehin den Kurs des neoliberalen immer „Größer, Schöner, Weiter“, so eine Wortmeldung aus dem Publikum.

„Der Salat kommt nicht aus der Mikrowelle“

Dörfer müssen und können aber keine Städte werden. Es sei unverhältnismäßig weitere Wohn- und Gewerbegebiete auszuweisen. Vielmehr müssten die Dorfkerne saniert und wiederbelebt werden, so Männich-Polenz. „Wir müssen schauen, dass auch im Dorfkern die Zukunft ist.“ Dazu gehört auch die digitale Infrastruktur: „Das schnelle Internet, soll ja auch hier kommen, ich klopfe auf Holz.“ Ungläubiges Lachen blieb hier nicht aus.

Osteland: Komm, mach mit!

Die Lösung besteht in einem umfangreichen Netzwerk aller Initiativen und Aktivist*innen. So kann das Gesamtnetzwerk ein ernstzunehmender politischer Faktor sein und gleichsam den einzelnen Anliegen mehr Schlagkraft verleihen. Gleichzeitig sahen die Diskutierenden darin den Nutzen, dass das Osteland als ländliche Region nicht hintenüber falle.

Alles andere als abgehängt ist das Engagement im Bereich Agrar- und Klimawandel, der „die größte Herausforderung unserer Zeit sei“, so Eleonore Lemke. Sie setzt sich für eine nachhaltige Rohstoffnutzung ein und möchte dies auch folgenden Generationen durch Bildungs- und Jugendarbeit vermitteln. Denn auch für die Zukunft gilt: „Der Salat kommt nicht aus der Mikrowelle.“

Wenn et löppt, wieso wollen dann so viele wech?

Eine Besucherin aus dem Publikum sah die marode Infrastruktur in der Region als wachsende Besorgnis. Es ist ruhig auf dem Land, klar. Aber verständlicherweise möchte niemand von der Außenwelt abgeschnitten sein – zustimmendes Nicken kam aus der Runde.

„Dafür müssen wir es schaffen, auch die Alteingesessenen mitzunehmen“

Des Weiteren fehlt es nach der Grund- und Schulausbildung an Institutionen, welche der Jugend vor Ort Perspektiven bieten. Dafür müssen sie in die größeren Städte. Jedoch lernen einige die ländlichen Regionen während ihren Ausbildungszeiten in den Großstädten schätzen und kommen wieder zurück. Das bringe auch frischen Wind ins Dorf, denn die Rückzügler*innen haben ein anderes Verständnis von Engagement als manch alte Dorfeingesessenen, so Männich-Polenz.

Zivilgesellschaftliches Engagement ist aber kein Selbstläufer. Auch in der Politik, in den Gemeinde- und Kreisräten muss dessen Mehrwert zunehmend geschätzt werden. Ein Gast plädierte für den konstruktiven Austausch von offenen Einheimischen und nicht-arroganten Zugezogenen. Ein Gleichgewicht zwischen Neuem und Altem muss entstehen. „Dafür müssen wir es schaffen, auch die Alteingesessenen mitzunehmen.“

Man kennt sich

Schnell bekommt man hier ein Gespür für das Wir-Gefühl der Dorfgemeinschaften. Man kennt und schätzt sich. Auch wenn an diesem Abend die letzten Gesprächsfetzen über der Oste verhallen, wird man weiterhin von den vielen Engagierten aus dem Osteland hören.

Mit Forderungen und Appellen an die taz und die politische Großstadt im Gepäck verließen wir Oberndorf und seine Ader des Lebens. Abschließend kam der Appell aus dem Publikum, dass sich kein Städter eigenständig für die ländliche Region einsetzen würde, das müsse aus eigenem Antrieb geschehen. Was in der Stadt jedoch passieren muss, ist, aufmerksam auf das überregionale Gewicht der lokalen Initiativen zu machen. Hierfür wollen wir von taz.meinland weiterhin ein Bewusstsein schaffen.