Landkreis XXL

Eine Grube für die Bauern

Eine Abfalldeponie im Vogelschutzgebiet? Nicht nur Bauer Witte ist dagegen. Auch der Kreistag der Region lehnt die 400-Tonnen-Schutthalde ab.

Hier soll sie hin: Bauer Witte auf dem Platz der geplanten Deponie.  Bild: Santiago Engelhardt

FRIEDLAND/NEUSTRELITZ/KRAKOW AM SEE taz | Der Wind schiebt dickleibige Wolken über die Äcker und Weiden, die sich hinter Ramelow erstrecken. Bauer Witte manövriert seinen Allradwagen über den Feldweg; das Dröhnen des Motors wirbelt einen Schwarm Spatzen hoch. „Hier würden die Lkws ankommen“, sagt er. Links verliert sich der Blick im Dickicht des Waldes, rechts grasen stämmige Charolais-Rinder mit sahnecremefarbenem Fell, ein Teil von Wittes Herde.

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Hans-Albrecht Witte ist Öko-Landwirt bei Friedland, Kreis Mecklenburgische Seenplatte, irgendwo zwischen der Autobahn B 20 und Polen. Er hat seinen Betrieb kurz nach der Wende aufgebaut. Inzwischen laufen die Geschäfte. Das Fleisch seiner Kälber und Rinder wandert in Alete-Gläser und ins Biosortiment großer Supermarktketten.

Doch nun, sagt er, steht alles auf dem Spiel. Hier, zwei Kilometer von Ramelow entfernt, inmitten von Vogel- und Naturschutzgebieten, soll eine Deponie entstehen, die einmal knapp 2,5 Millionen Tonnen Schutt fassen wird, Sand, Ton, Schlacke, darunter auch Asbest und schadstoffbelastete Stoffe. 400 Tonnen soll sie jeden Tag schlucken, das sind 16 Laster mit je 25 Tonnen, die alle an Wittes Feldern und Weiden vorbeimüssten. „Und alles, was herunterweht“, sagt er, landet auf dem Acker.“

Der Landkreis: Wie verändern demografischer Wandel und schmalere Budgets die Kommunalpolitik? Mecklenburg-Vorpommern hat 2011 als Lösung die Kreise neu geordnet. Der Kreis "Mecklenburgische Seenplatte" ist seitdem mit 5.496 Quadratkilometern der größte Landkreis Deutschlands.

Die Serie: Die taz begleitet den Kreis ein Jahr lang. Alle Texte, Grafiken und die wöchentliche Onlinekolumne "Heimatkunde Seenplatte" finden Sie unter taz.de/landkreisxxl. Nächste Folge am 26. Oktober: 8 oder 80 Euro pro Kopf - was ist Jugendarbeit wert?

Nach einer Weile springt er aus seinem Wagen. Vor ihm klafft eine Lücke in der Landschaft, zwischen Bergen aus Sand ruhen kolossale Baumaschinen. Seit Mitte der neunziger Jahre fördert die Güstrower Kies + Mörtel GmbH (GKM) hier Straßenbaustoffe. Inzwischen gibt die Kiesgrube nicht mehr viel her; daher will die Firma auch Schutt deponieren.

Bauer Witte verzwergt

Das riesige Loch verzwergt Witte, der hoch gewachsene, kräftige Mann in seinen Latzhosen wirkt plötzlich hilflos, er sagt: „Eine Abfalldeponie in einem Vogelschutzgebiet. Das passt doch nicht zusammen.“

Hans-Albrecht Witte ist nicht der Einzige, der das so sieht. Anfang des Jahres sind die Pläne zu den 84 Bewohnern von Ramelow durchgesickert. Seither ist Aufruhr. Eine Bürgerinitiative hat sich formiert. Zunächst sprach sich die Stadt Friedland, zu der Ramelow gehört, gegen das Projekt aus, dann der Kreistag. Der forderten den Landrat auf, „alles rechtlich Mögliche“ zu tun, um die Deponie zu verhindern.

„Alle waren sich einig: Wir brauchen dieses Ding nicht“, sagt Kathrin Grumbach, Kreistagsmitglied der Grünen und Leiterin des Bau- und Umweltausschusses. Grumbach, füllig, mit dunklem Pagenkopf und bunten Klunkern, sitzt in einem Büro in Neustrelitz. Immer wieder betont die Agraringenieurin, dass man das Thema fachlich angehen müsse. Doch ihr ist klar, dass das nicht so einfach ist. Es ist ein Aufregerthema, ideal, um Volksnähe zu demonstrieren.

Die Ersten waren die Rechten. Kaum hatte sich die Bürgerinitiative gegründet, da brachte die NPD einen Antrag im Kreistag ein. „Das hat die Sache enorm verkompliziert“, sagt sie. Zwar fand sich schnell eine formale Lösung: Der NPD-Antrag wurde abgelehnt, ein neuer aufgesetzt. Doch der Vorfall wirft ein Schlaglicht auf ein grundlegendes Problem: Viele der Rechten kommen aus der Region Friedland. Den anderen Fraktionen „fehlt manchmal die regionale Kenntnis“, räumt die Grüne ein.

Seit September 2011 ist es noch schwerer. Da wurde der Landkreis Mecklenburgische Seenplatte geschaffen, der größte Deutschlands. Kathrin Grumbach kommt aus Röbel, Ramelow liegt rund 100 Kilometer entfernt. Häufig weiß sie nicht einmal, woher sie erfahren soll, was am anderen Ende des Kreises geschieht. In ihrer Zeitung, sagt sie, „steht kein Wort über Ramelow“.

Entscheidung treffen Behörden

Ohnehin spielt die Meinung der Politiker keine große Rolle. Die Entscheidung über die Deponie wird in den Behörden getroffen, nach rein rechtlichen Kriterien. Die Politik, sagt Kathrin Grumbach, hat keinen Einfluss, „außer, der Druck wird so hoch aufgebaut, dass es dem Antragsteller zu anstrengend wird“.

Damit ist das, was ein juristisches Verfahren sein sollte, auch zu einem Wettstreit der Willenskraft geworden. Eberhard Kellermann, Geschäftsführer der GKM, will nicht derjenige sein, der nachgibt. Der Weg zu ihm führt durch ein gefliestes Treppenhaus in den ersten Stock eines Gebäudes in Krakow am See, knapp zwei Stunden von Friedland entfernt.

Kellermann, über 70 Jahre alt, tritt ein, gefolgt von einem sehr jungen Mann mit Jeans und bravem blonden Seitenscheitel. Jens Eckhoff, stellt er sich vor, „der Nachfolger von Herrn Kellermann“. In Ramelow nennen sie ihn „den Investor aus dem Westen“. Dass er sich an der Firma beteiligt, hat das Misstrauen noch verstärkt.

Die beiden machen keinen Hehl daraus, dass ihnen die Berichterstattung einer überregionalen Zeitung nicht passt. „Das bringt hier doch noch mehr Unruhe rein!“, hatte Kellermann ins Telefon gerufen. Derzeit prüfen die Behörden, ob die Deponie mit dem Artenschutz zu vereinbaren ist, und ob sie überhaupt notwendig wäre.

Wenn es in der Region nicht genug Schutt gibt, könnte die Halde Abfälle aus anderen Bundesländern oder auch aus dem Ausland anziehen. Bislang ist es Kellermann nicht gelungen, glaubhaft zu machen, dass die Region noch eine zusätzliche Deponie braucht. Sein Bedarfsnachweis wurde abgelehnt.

Investor Eckhoff höhnt

Dabei, sagt er, würde seine Deponie die Natur gar nicht belasten. Das Grundwasser wäre geschützt, der Schutt staubfrei verpackt. Sicher, niemand wolle eine Deponie vor der Tür, meint Eckhoff und holt tief Luft: „Aber das ist völlig in der Pampa. Ich würde ja sagen: Da sagen sich Fuchs und Hase gute Nacht.

Doch da gibt es noch nicht einmal Fuchs und Hase.“ Kellermann schüttelt den Kopf. Er hat viel versucht, um die Ängste zu zerstreuen, hat sich mit Politikern und Anwohnern getroffen. Es hat nichts geholfen. „Wir wollen alles, was rechtens ist, auch erfüllen“, sagt er. „Doch was wir nicht zulassen, ist, dass wir trotzdem abgelehnt werden.“

Nach Einschätzung eines Fachmanns in der Region wäre die Deponie tatsächlich wenig bedenklich, solange alle Vorschriften beachtet werden. Er will anonym bleiben, niemand will als Fürsprecher der Deponie ins Gerede kommen.

Hans-Albrecht Witte stapft in sein Büro, wuchtet einen Ordner hervor, zieht einen Brief von Alete heraus. „Wir haben uns von emissionsgefährdenden Standorten fernzuhalten“, ruft er. „Ich habe einen Vertrag unterschrieben. Punkt. Aus.“ Witte kann keine Kompromisse eingehen. Die messbare Belastung ist nur eine Sache, der mögliche Imageschaden eine ganz andere: Schwer vorstellbar, dass seine Abnehmer weiter mit ihm zusammenarbeiten, wenn sein Vieh neben einer Abfalldeponie grast.

So stecken beide Seiten in einem Dilemma, das in der Region angelegt ist: In Friedland ist nicht viel los. Die Tür der Stadtbibliothek ist zugemauert, gegenüber dem Sonnenstudio „Sun Flair“ verfallen Fabrikgebäude aus Backstein. Die Stadt hatte nach der Wende 8.300 Einwohner, heute sind es 6.500. Dünne Besiedlung, kaum Industrie, ideal für Ökolandbau – und Abfallwirtschaft.

„Wir sind eine strukturschwache Region“, sagt Wilfried Block, parteiloser Bürgermeister von Friedland. „Und was kommt in so eine Gegend? Dinge, bei denen die Menschen Bedenken haben.“ Wilfried Block, mit kurzen grauen Haaren und kariertem Hemd, lehnt in einem Sessel in seinem Büro, hinter sich eine Wand voller Bildbände. Nicht einmal wirtschaftliche Gründe sprächen für die Deponie, vielleicht gäbe es ein, zwei Arbeitsplätze, dafür wären die Biobauern bedroht. „Und außer der Landwirtschaft haben wir doch nichts.“

Streit und harsche Worte

Auch Friedland sei entschlossen, die Deponie aufzuhalten – allerdings nicht gemeinsam mit der Bürgerbewegung. Es gab Streit. Harsche Worte sind gefallen. Jetzt will Block nichts mehr mit der Initiative zu tun haben. „Da hat man auch seinen Stolz.“

Die Mitglieder der Bürgerinitiative verstehen nicht ganz, was geschehen ist. An diesem Nachmittag haben sie sich beim pensionierten Polizisten Lutz Grünler versammelt. Fünf Männer und eine Frau sitzen mit ratlosen Gesichtern um eine Kaffeetafel; auf dem Tisch stehen Kuchen und geblümtes Geschirr.

Fest stehe nur eines: Anfang April ist Wilfried Block wiedergewählt worden. Vorher sei er zu jedem Treffen gekommen, habe „Reden gehalten wie Ché Guevara“, wie Grünler sagt. Nachher habe man ihn nicht mehr gesehen, und so kam es letztlich zu dem Bruch.

Die Initiative hat einiges angeschoben, doch nun wissen die sechs nicht so recht, wie weiter. Vielleicht Plakate oder Demos, meint der Lehrer Bernd Wunderlich. Zugleich spitzt sich der Streit zu. Im Mai hat die Initiative Strafanzeige gegen die GKM erstattet, die Nachbarn sind überzeugt, dass die Firma schon illegal Abfälle annimmt. Kellermann bestreitet das.

Das Misstrauen sitzt tief in Ramelow. Wer interessiert sich für die Belange der Anwohner? „Wir fühlen uns im Stich gelassen“, sagt Anja Lintz-Becker. „Verraten“, sagt Wolf-Rüdiger Lande, ein Polizeikommissar a. D. Wer ihnen zuhört, der spürt, dass es hier nicht nur um die Deponie geht, sondern auch um die Frage, wer entscheidet, was in einer Gemeinde geschieht. Diejenigen, die dort leben, oder die, die dort Geld verdienen wollen?

Die Ramelower haben sich schon oft übervorteilt gefühlt. Zunächst kam die Autobahn B20. Als deswegen Ausgleichsflächen für den Naturschutz geschaffen wurden, waren sie gezwungen, ihr Land billig zu verkaufen. „Die sagen sich: Lass doch die Bauern, die haben doch früher immer die Schnauze gehalten“, ruft Grünler. Sie fürchten, dass niemand hinschaut, was alles abgeladen wird in dieser entlegenen Region.

„Wenn man hier einen Castor verscharrt, den sieht man doch nie wieder.“ Das ist natürlich übertrieben, doch zuversichtlich ist hier niemand mehr. „Geld regiert die Welt“, meint Lehrer Wunderlich, „Kapital siegt über Vernunft“, murmelt Kommissar Lande. Als das Treffen endet, treten die sechs ins Freie. Der Wind fährt ins Laub, sonst ist alles still.

 

Der Landkreis Mecklenburg: Wie verändern demografischer Wandel und schmalere Budgets die Politik?  Die Serie: Die taz begleitet ein Jahr lang den Kreis auf seinem Weg.

04. 10. 2012

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