Landleben in Brandenburg

Wo die Schmorgurken blühen

Wie ist es, dort hinzuziehen, wo alle wegwollen? Unsere Autorin wohnt in einer Landkommune in der Prignitz, im Nordwesten Brandenburgs.

In der Prignitz, wo der Raps blüht und die Museumsbahn „Pollo“ fährt. Bild: ap

Ein Haus in der Prignitz zu kaufen bedeutet, immer wieder gefragt zu werden: Wie geht es eurem Haus in der Uckermark? Die Uckermark kennt jeder. Wir haben aber kein Haus in der Uckermark, sondern in der Prignitz, diesem nordwestlichen Zipfel von Brandenburg, der zwischen Berlin und Hamburg liegt und so ziemlich der einzige Teil Brandenburgs ist, der keine Seen hat.

Ein Haus in der Prignitz zu kaufen bedeutet, da hinzuziehen, wo alle wegziehen. Wittenberge liegt in der Nähe, dieses Wittenberge, wo Studien gemacht werden darüber, wie es denn so ist, wenn alle gehen. Die Prignitz ist der Landkreis mit der geringsten Bevölkerungsdichte in ganz Deutschland. Wo kurz nach dem Zweiten Weltkrieg fast 160.000 Menschen waren, sind jetzt noch knapp 80.000. Es wird viel gestorben und wenig gebärt. Das Dorf, in dem unser Haus steht, hatte mal ein paar hundert Einwohner. Heute sind es ungefähr 80 Menschen, die meisten sind alt.

Die Infrastruktur unseres Dorfes besteht aus einer Bushaltestelle, an der zweimal täglich der Schulbus hält, und einem Briefkasten. Die Einkaufsmöglichkeiten im Dorf sind ein Zigarettenautomat. Oder man geht Eier kaufen bei Frau K., zehn Stück für einen Euro fünfzig. Der nächste Supermarkt ist zehn Kilometer weiter.

Ein Haus in der Prignitz zu haben heißt, die Lokalblätter Dosse-Express und Wochenspiegel zu lesen, die auf Seite 1 schreiben, wenn irgendwo jemand betrunken Rad gefahren ist. Die Kontaktanzeigen stehen unter dem Tiermarkt, eine Sigrid, 76, möchte „die viele Liebe, die ich in m. Herzen trage, verschenken“, „PKW vorhanden“, ein Holger, 63, hätte früher nie gedacht, „dass die Einsamkeit so schlimm sein kann“. In vielen Annoncen der Rubrik „Er sucht Sie“ findet sich die Abkürzung NR, NT: Nichtraucher, Nichttrinker.

37 Einwohner pro Quadratkilometer

Die Prignitz, so steht es auf landkreis-prignitz.de, ist „ein Landstrich mit besonderen Reizen, die sich einem nicht immer gleich auf den ersten Blick erschließen“. Und, möchte man hinzufügen, manchen erschließen sie sich auch gar nicht.

Ein Haus in der Prignitz zu haben bedeutet deswegen auch, sehr viel Natur für sich zu haben. Auf einen Quadratkilometer kommen 37 Einwohner. Dazwischen: Wälder, Wiesen, Felder. Es ist wunderschön. Das Haus, das wir vor inzwischen drei Jahren mit elf Freundinnen und Freunden gekauft haben, ist umgeben von Apfel- und Birnbäumen, von Holunder-, Brombeer-, Himbeersträuchern. Wir schaffen es nie, alles zu ernten.

Meine Hände sind lila-blau, während ich diesen Text schreibe: Es ist Holunderzeit, ich habe drei Tage lang Saft gekocht. Dazwischen töpfeweise Pflaumenmus, es scheint ein gutes Pflaumenjahr zu sein, die Nachbarn bringen uns volle Eimer. Überall im Dorf stehen Häuser, in denen ein einzelner alter Mensch wohnt, viele haben einen Garten, der zehnmal zu groß ist für sie alleine. Frau Z. kann mit ihren vier vollen Birnbäumen nichts anfangen, wir ernten sie ab, sie bekommt einen Korb voll, wir den Rest. Frau R. bringt zwischendurch dreißig Eier, Herr P. gibt uns zehn Schmorgurken, die er über hat.

Überhaupt, die Gurken: Sie haben uns und die Leute aus dem Dorf zusammengebracht. Vor drei Jahren, als alles anfing, war ein gutes Schmorgurkenjahr. Wir hatten das Haus im Sommer gekauft, und die Leute aus dem Dorf verstanden nicht, wieso wir da sind. Elf Leute zwischen Mitte zwanzig und fünfzig, die zusammen ein verlottertes Gutshaus kaufen: Was wollen die?

Zuneigung in Form von Gurken

Also kamen sie und stellten Fragen. „Wer ist hier der Chef?“, war die erste Frage. Keiner, sagten wir. Aha, sagten sie. Die zweite Frage: „Sind Sie eine Sekte, also Neonazis?“ Nein, sagten wir, weder noch. Gut, sagten sie. Und die dritte Frage: „Ist hier jemand verheiratet, oder sind das alles Jugendliche?“ Alle unverheiratet, sagten wir. Also Jugendliche, sagten sie. Und waren fürs Erste zufrieden.

Ihre Zuneigung zeigten sie uns mit Schmorgurken. Erst waren es nur einzelne Gurken, später Eimer und ganze Wäschekörbe voller Schmorgurken. „Könnta ham, kommt sonst weg“ – und wir nahmen, freuten uns, und aßen einen ganzen Monat lang Schmorgurken. Schmorgurkenauflauf, Schmorgurkensuppe, Schmorgurken mit Pilzen, Schmorgurken in Senfsoße. Die letzten zwölf Kilo wurden zu Senfgurken verarbeitet und ans Dorf zurückgeschenkt.

Apropos geschenkt. Ein Haus in der Prignitz zu kaufen bedeutet auch, es mehr oder weniger geschenkt zu kriegen. 45.000 Euro haben wir für unser Haus bezahlt, das in der Anzeige im Internet „Herrenhaus mit Charme“ hieß. Für ein Haus aus dem 18. Jahrhundert, mit dreißig Zimmern und altem Eichenparkett, barocker Treppe und fast dichtem Dach, für so ein Haus ist das nicht viel, vor allem, wenn man zu elft ist.

Ein Haus in der Prignitz zu kaufen bedeutet nämlich auch, dass man sich ein Schloss kaufen kann, obwohl man nicht reich ist. Einige von uns haben kein Geld oder noch weniger als keins, andere haben geerbt. Am Kaufpreis hat sich beteiligt, wer konnte, für die laufenden Kosten zahlen wir je 40 Euro im Monat, die meisten von uns haben daneben noch eine Wohnung woanders.

Klempern lernen auf YouTube

Ein solches Haus zu haben, heißt aber auch, tausend neue Sachen lernen zu müssen. Eine von uns hat auf YouTube gelernt, wie man klempnert. Ein Lehmbauer hat uns beigebracht, Wände und Decken zu verputzen. Zwei von uns haben einen Motorsägenschein gemacht, weil wir mit Holz heizen. Wir haben gelernt, im Winter, wenn wir ein paar Tage nicht da sind, das Wasser abzudrehen, damit die Rohre nicht wieder platzen. Wir haben gelernt, alles Essbare jeden Abend mäusesicher zu verstauen.

Trotzdem trippelt, während ich diesen Text schreibe, eine Maus in meinem Schreibzimmer hin und her, eben war sie noch unterm Fenster, gerade ist sie hinten beim Mülleimer. Ich verstehe den Plot von Tom und Jerry inzwischen ganz gut. Weil ich oft nachts schreibe, weiß ich mittlerweile auch, welche Vögel frühmorgens als erstes wach werden und welche später. Tauben pennen am längsten.

Ob wir, wenn wir so eine Landkommune haben, alle miteinander schlafen, hat mich mein Exfreund neulich gefragt. Nein, nicht alle. Wie wir organisiert sind, fragen viele. Gar nicht. Kein Verein, wenig Regeln. Monatliches Plenum, ja. Keine größere Idee, kein Versuch, Selbstversorger zu sein? Nein. Nur die Idee, zusammen ein gutes Leben haben. Manchmal motzen wir uns an, wenn jemand eine Whiskyflasche leergetrunken hat oder der Kicker im Weg steht. Und für die seltenen Fälle, wo wir uns streiten, haben wir hier genug Platz, einander aus dem Weg zu gehen. Richtig viel Platz.

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